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Groß wie ein Senfkorn

Andacht zum 15. Sonntag nach Trinitatis

von Pfarrer Timo Schmidt

Und die Apostel sprachen zu dem Herrn: Stärke uns den Glauben! Der Herr aber sprach: Wenn ihr Glauben hättet wie ein Senfkorn, würdet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Reiß dich aus und verpflanze dich ins Meer!, und er würde euch gehorsam sein.

Lukas 17, 5–6

Zuhause habe ich meine Wege. Ich kenne mich aus. Weiß den Weg zum Bäcker genauso wie den Spazierweg zum Entspannen oder den Weg zur Arbeit. Gerade weil ich mich auskenne, weil ich meine Wege habe, bin ich zuhause. Es sind vertraute Wege. Und ich merke, auch in meinem Alltag habe ich diese Wege. Bestimmte Routinen, mit denen ich den Alltag bewältige. Etwa beim Einräumen der Spülmaschine: Das Besteck lege ich immer sortiert in den Besteckkasten. Oder wenn ich von der Arbeit komme und erstmal das Handy weglege. Vertraute Wege helfen mir, im Leben zurechtzukommen. Ich weiß, wo ich hin muss, und das gibt mir Halt und Sicherheit. Ich weiß, wie ich Dinge tun muss, und auch das gibt mir das Gefühl von Sicherheit.

Die Jünger Jesu hatten dieses Gefühl nicht mehr. Oder sie sorgten sich, dass sie es verlieren könnten. Sorgten sich, sie könnten abkommen von dem Weg, den Jesus ihnen gezeigt hatte. Sie sorgten sich. Die Zeit, das Leben, der Alltag könnte sie auf Wege führen, die nicht Jesu Weg waren. Sie sorgten sich.

Sich sorgen fällt mir leicht. Weil immer wieder Nachrichten kommen, die mich aus der Bahn werfen. Nachrichten von Katastrophen. Mal scheinen sie weit weg, mal ganz nah. Mal betreffen sie viele Menschen gleichzeitig, mal geht es nur um einen Menschen, um eine Diagnose, eine Krankheit. So spüre ich, oder ahne doch nur, wie schnell das Leben mich auf Wege zwingen kann, die nicht meine sind. Wie es mich zwingen kann, alles Vertraute hinter mir zu lassen. So führt es mich an Orte und Stellen, an denen ich nur noch sagen kann: Ich kenne mich nicht aus. Ich weiß nicht, wo ich bin. Weiß nicht, wie es weitergeht.

In ihren Sorgen bitten die Jünger Jesu: „Stärke uns den Glauben.“ Sie bitten ihn, er möge sie auf dem Weg halten. Möge sie nicht abkommen lassen. Nur – so lebt es sich nicht. Es lebt sich nicht so, dass wir immer auf den vertrauten Wegen bleiben können. Es lebt sich nicht so, dass wir immer nur dort gehen, wo wir es wollen, wo es sich richtig anfühlt und stimmig. Wir kommen Mal um Mal vom Weg ab. Und dann? Sind wir dann verloren? Finden wir nicht mehr nach Hause?

Jesus lässt seine Jünger nicht fallen. Gibt ihnen aber auch nicht die falsche Hoffnung, dass sich ihre Wege niemals ändern werden. Gibt ihnen nicht die falsche Sicherheit, dass sie nie vom Weg abkommen. Vielmehr weiß er, dass Leben heißt, dass schlechte Nachrichten uns aus der Bahn werfen, dass Leben heißt, dass wir vom Weg abkommen. Was wir brauchen, auf unvertrauten und auf den vertrauten Wegen, ist Glaube. Glaube groß wie ein Senfkorn.

Nur was macht einen Glauben groß oder klein wie ein Senfkorn? Muss man dafür den großen oder nur den kleinen Katechismus von Luther kennen? Muss man überhaupt etwas wissen? Findet sich dieser Senfkorn-Glaube, wenn wir die Worte aus Psalm 23 beten oder reicht es, seufzend zu sagen: „Oh Gott“? Jesus lässt es hier offen. Verrät nicht, womit dieser Glaube gefüllt sein soll. Er hält einfach nur fest: Dein Glaube muss nicht groß sein. Muss nicht schön oder formvollendet sein. Dein Glaube darf klein sein, unscheinbar, du musst nur vertrauen.

Zuversicht und Zutrauen, dass alles möglich ist dem, der da glaubt. Dass alles möglich ist, weil der, dem wir da glauben, alles tut, damit wir gerettet werden. Es braucht dafür gar keinen großen Glauben – Glauben so groß wie ein Senfkorn. So haben wir schon den Segen, den es braucht, um auch auf dem größten Abweg und der verwickeltsten Umleitung den Weg zu finden, der uns nach Hause führt. Vielleicht führt uns der Glaube nicht zurück zur alten Heimat. Vielleicht führt er uns in eine neue, in eine, in der wir durch ihn die Wege der Barmherzigkeit und der Liebe finden. Führt uns dorthin, wo wir uns nicht auskennen und doch geborgen fühlen, wo wir lernen, uns auszukennen. Aber nicht nur, weil wir diese Wege kennenlernen, sondern weil dort jener ist, den wir den Weg nennen und der uns kennt und der zu uns und mit uns den Weg der Barmherzigkeit und Liebe geht.

Es scheint nicht viel. Es scheint kaum der Rede wert, so ein senfkorngroßer Glaube. Und doch wohnt in ihm all die Geborgenheit und all die Zuversicht, die es braucht. Ein Glaube groß wie ein Senfkorn – und wir sind auf bekannten und unbekannten Wegen zuhause.

Dr. Timo Schmidt war Pfarrer in ­Lauterecken und ist seit August persön­licher Referent der Kirchenpräsidentin.

Gebet

Barmherziger, ganz gleich, ob mein Weg gerade nach oben führt oder nach unten, ob ich weiß, wohin ich gehe oder nur sagen kann, woher ich komme, schenke mir Glauben. Glauben, der mich vertrauen lässt auf deine Güte und Barmherzigkeit. Amen.

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Glauben so groß wie ein Senfkorn - so steht es in Lukas 17, 5–6. Foto: pixabay
Glauben so groß wie ein Senfkorn - so steht es in Lukas 17, 5–6. Foto: pixabay

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