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Gott schreit nicht

Andacht zum 1. Sonntag nach Epiphanias

von Pfarrer Klaus Beckmann

Siehe, das ist mein Knecht, den ich halte, und mein Auserwählter, an dem meine Seele Wohlgefallen hat. Ich habe ihm meinen Geist gegeben; er wird das Recht unter die Heiden bringen. Er wird nicht schreien noch rufen, und seine Stimme wird man nicht hören auf den Gassen. Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. In Treue trägt er das Recht hinaus. Er selbst wird nicht verlöschen und nicht zerbrechen, bis er auf Erden das Recht aufrichte; und die Inseln warten auf seine Weisung. So spricht Gott, der Herr, der die Himmel schafft und ausbreitet, der die Erde macht und ihr Gewächs, der dem Volk auf ihr den Atem gibt und Lebensodem denen, die auf ihr gehen: Ich, der Herr, habe dich gerufen in Gerechtigkeit und halte dich bei der Hand. Ich habe dich geschaffen und bestimmt zum Bund für das Volk, zum Licht der Heiden, dass du die Augen der Blinden öffnen sollst und die Gefangenen aus dem Gefängnis führen und, die da sitzen in der Finsternis, aus dem Kerker.

Jesaja 42, 1–7 (8–9)

Welch’ wohltuende Ruhe: Es wird gut ausgehen! Gottes Knecht wird das Recht unter die Völker tragen. Ohne Geschrei. Ohne Panikmache. Ohne Anprangern und Verteufeln jener, die anders denken. Wo Wunden sind, heilt der Gottesknecht mit Geduld und Ausdauer. Was geknickt ist und kaum mehr lebensfähig, dem gibt er Hoffnung.

„Gottesknecht“, das steht für das Volk Israel. Dessen Geschichte kennt Gewalt und Sorge im Übermaß. Nähe zu Gott stiftet eben keine Harmonie. Bis heute erleben Juden hysterische Anprangerung und Verteufelung, bis heute kommt die Absage an Judenfeindschaft selten über das Lippenbekenntnis hinaus, dem im Ernstfall nichts Verbindliches folgt. Das ist schlimm – und keineswegs neu. Doch in der Geschichte, die die jüdische Bibel erzählt, erfuhr das Volk immer wieder, dass Gott einfallsreicher ist als die Bosheit seiner Widersacher und ausdauernder als die Ignoranz der Wegsehenden.

Bevor Gott fordert oder urteilt, sorgt er für Rettung. Uns tut es gut, das am Anfang eines Jahres zu hören, das wohl wieder schwere Herausforderungen bereithält – und bestimmt auch wieder böse Überraschungen. Gott ist stärker! Sein Bund mit seinen auserwählten Zeugen wird bestehen bleiben, trotz allem. Und dieser Bund steht für Gottes Treue zu seiner ganzen Schöpfung. Weder Geschrei noch Gewalt werden die Zeugen Gottes endgültig kleinkriegen. Darauf kann sein Volk sich verlassen.

Dass das jüdische Volk seit Jahrtausenden unter den Völkern ist und schon durch sein bloßes Dasein Zeugnis von Gott gibt, hat die Welt verändert. Alle Völker konnten von dem einen Gott hören, dessen Wesen die Liebe ist; vom gleichen Recht für Arme und Reiche; vom gleichen Recht des Ausländers, des Kranken und des Außenseiters; davon, dass Verzeihen am Ende mehr zählt als jedes Rechthaben. Die Kraft dieser jüdischen Botschaft werden Fanatismus und Engherzigkeit nie überwinden.

Die christliche Gemeinde war und ist eine Art Missionsstation des Judentums. Sie trug die Botschaft von dem Juden Jesus, der der göttliche Erlöser ist, in alle Teile der Erde. So lernten die Völker die Zehn Gebote kennen, auch das im Ursprung jüdische Gebet zu unserem Vater im Himmel, das alles umfasst, was Menschen in Not und Sorge einen neuen Weg weisen kann. Die Völker hörten von dem Gott, der Versöhnung stiften will. Sie erlebten die mutige Kritik der Propheten an weltlicher Macht.

Und sie erkannten in den Geschichten der Bibel das Wesen des Menschen. Alles andere als perfekt ist er, und dennoch will der eine Gott mit dem Unvollkommenen seine Geschichte machen. Diese biblische Aussage verärgert politische Scharfmacher vielleicht am meisten. Denn Hoffnung für die Erde entspringt einfach aus der Treue Gottes. Wie gut!

Ein Ruhekissen, auf dem sich Herausforderungen verschlafen lassen, ist das nicht. Drängendes muss bewältigt werden, die Klimakrise, Corona, Flüchtlingselend, marode Schulen, Notstand in der Pflege – und einiges mehr. Auf Gottes sichere Zusage zu vertrauen, macht nicht faul. Im Gegenteil: Es gibt die nötige Ausdauer. Ein Politiker, der in seinen Amtseid das Bekenntnis zur Hilfe Gottes einschließt, sucht gerade keinen Hinterausgang von seinen Pflichten. Aber er weiß, dass sein eigenes Können Grenzen hat und dass menschliches Tun umso besser gelingt, je gelassener wir darauf vertrauen, nicht allein zu sein mit schwierigen Aufgaben. Der Auftrag von Christinnen und Christen ist nicht, bei politischen Themen immer vorne mitzumischen – so wichtig bestimmte Aufgaben auch sind. Glaube zeigt sich im Vertrauen, das Stärke gibt. Gott schreit nicht. Er sorgt zart für das Beschädigte. Er trägt, auch in diesem Jahr.

Dr. Klaus Beckmann ist Schulpfarrer in Frankenthal.

Gebet

Du, Herr, hältst mein Schicksal in deinen Händen. Darum freut sich mein Herz, und meine Seele ist fröhlich; auch mein Leib wird sicher wohnen. Du wirst mich nicht dem Tod überlassen. Amen. (Nach Psalm 16)

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Jesaja 42, 1–7 (8–9) ist Thema der Andacht: "... Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen... " Foto: pixabay
Jesaja 42, 1–7 (8–9) ist Thema der Andacht: "... Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen... " Foto: pixabay

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