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Gott geht es nicht um Sonntagsmenschen

Was Luthers Auftritt in Worms vor 500 Jahren für die Kirche von heute bedeutet - von Dorothee Wüst

500 Jahre nach dem Auftritt Martin Luthers auf dem Reichstag zu Worms: Was bedeutet das nun für uns heute? Wo sind die „Luther-Momente“, die die Stadt Worms bei ihrem Jubiläum so stark gemacht hat, in unserer Gesellschaft, in unserem Leben zu finden? Welche Weichenstellung hat uns Luthers Auftritt vor Kaiser und Reich gebracht, die noch heute sozusagen in unserer DNA ist? Was ist und bleibt wichtig von einer historischen Episode, wenn sie mehr sein soll als eine historische Episode? Ein weites Feld. Für heute Abend mag eine kleine Spurensuche genügen:

„Hier stehe ich und kann nicht anders. Gott helfe mir.“ Dieser Satz wird bis zum heutigen Tag dem Reformator in den Mund gelegt. Gesagt hat er ihn so wohl nie. Aber er klingt wie eine Art Zusammenfassung seines Auftritts in Worms. Und macht bis heute Eindruck. Hier steht einer, einer von uns. Keiner von den Großen und Mächtigen, sondern ein kleines Rädchen im Getriebe, das nach damaliger Auffassung einfach zu funktionieren hat im großen Plan der Geschichte. Natürlich spielt Gott eine Rolle, aber immer nur vermittelt durch die auf den weltlichen und geistlichen Thronen. Gott spricht und handelt durch sie. Es gibt keinen direkten Draht zu Gott, sondern nur über Mittlerinstanzen. Und die sind sehr davon überzeugt, Gottes Willen zu kennen.

Ob sie dabei tatsächlich immer nach Gott fragen oder ihren eigenen Machterhalt im Sinn haben, sei dahingestellt. Luther jedenfalls dreht den Spieß um. Er fragt zuerst nach Gott. Und zwar ohne Mittler. Denn das ist für ihn die bahnbrechende Erkenntnis, sein „Luther-Moment“: Jeder kann in Beziehung zu Gott treten und zu jedem tritt Gott in Beziehung. Zunächst und zuallererst in liebevolle Beziehung und nicht in erster Linie über Höllenstrafen, von denen man sich freikaufen kann. Von diesem Gott soll man in der Kirche etwas spüren, er ist für Luther im wahrsten Sinne des Wortes glaubwürdig. Die weltliche Obrigkeit ist nötig, damit es auf Erden nicht drunter und drüber geht. Schließlich ist nicht jeder ein frommer Christ. Aber Herr über die Seele ist Gott allein. Das ist Luther ein Anliegen. Nicht erst seit 1521, aber seit Worms überaus öffentlich.

Damit ist er zum Helden stilisiert worden. Steht nun auf einem Sockel. Aber dort gehört er eigentlich nicht hin. Es ist keine selbstgerechte Heldenpose, die Luther vor Kaiser und Reich einnimmt. Es ist die Haltung tiefen Glaubens, der sich nur einem verpflichtet weiß, nämlich Gott. Es ist die Haltung eines Gewissens, das sich weder von Tradition noch von Quantität noch von Autorität beeindrucken lässt, sondern allein von Argumenten. Und in all den Diskussionen und Disputen, die Luther erlebt, fallen partout keine Argumente, die ihm auf der Basis begegnen, die für ihn die einzige ist: die Schrift in Altem und Neuem Testament als verlässliche Offenbarung Gottes. Sie ist die einzige Autorität, die Luther anerkennt. Und sein Gewissen ist nur dieser Autorität verantwortlich. Klingt für uns so harmlos, nahezu selbstverständlich. Ist es das?

In gewisser Weise ja. In unser Recht ist Freiheit tief eingeschrieben. Selbstverständlich gilt Menschenwürde und Menschenfreiheit etwas. Freiheit wird aufgeschlüsselt in Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit, Informationsfreiheit. Freiheit wird als Recht formuliert: auf ungestörte Glaubensausübung, auf die freie Wahl des Berufs, auf Bildungschancen, auf Gleichberechtigung. Um nur ein paar Beispiele zu nennen. Und auch wenn das Gewissen nicht explizit auftaucht, steckt es doch in vielen unserer Freiheiten, Rechte und Pflichten. Das Gewissen ist längst eine Größe. Eine individuelle, persönliche. Ein Kollektiv hat kein Gewissen. Aber jeder einzelne, jede einzelne hat eins. Und es ist nicht egal. Es ist wichtig und ist eine der Grundlagen, auf denen wir unsere Entscheidungen treffen und die unser Handeln bestimmen.

Zu Luthers Zeiten spielte das Gewissen eine reichlich untergeordnete Rolle. So wie das Individuum, die einzelne Person und Persönlichkeit eine untergeordnete Rolle spielte. Mit ihm, mit dem Reichstag zu Worms kommen Kategorien ins gesellschaftliche Spiel, die eine Gesellschaft erst einmal verkraften muss. Keine Hierarchie ermöglicht erst den Zugang zu Gott, sondern jeder einzelne steht schon vor Gott. Und formt dort sein Gewissen, mit dem er wiederum Teil von Gesellschaft ist und entsprechend agiert. Sie fragen sich noch immer, wo das revolutionäre Potential liegt? Schätzen Sie sich glücklich: Wir leben längst in einer Gesellschaft, die das zu leben versucht. Versucht – ob es immer gelingt, ist eine Frage für sich.

Die zum Beispiel die Querdenker-Szene der letzten Monate ganz neu aufgeworfen hat. In all ihren Auswüchsen. Individualität in Reinkultur ohne jeden Gemeinschaftssinn. Freiheit als absolute Variante ohne das notwendige Korrektiv von Verantwortung. Das Gewissen als letzte und absolute Instanz, die nicht hinterfragt werden darf und auch keine Auskunft geben muss. Jede Medaille hat zwei Seiten. Worms markiert den Aufbruch von Individualität und Gewissensfreiheit in einer Zeit, in der Denken, Glauben und soziale Existenz weitestgehend fremdbestimmt waren. Nun wissen wir um Freiheit und Gewissen und Individualität. Und merken, dass es sich um Begriffe handelt, die immer wieder auf den Prüfstand gehören und vor Missdeutungen ganz und gar nicht gefeit sind. Was würde Luther dazu sagen? Was würde der historische „Querdenker“ Luther dazu sagen?

Er würde auf das Gewissen verweisen. Natürlich. Und das bezieht seine Gewissheiten aus dem Glauben. Und der wiederum speist sich aus dem, was ein Mensch von Gott wissen kann. Und das wiederum finde ich in den Schriften des Alten und Neuen Testaments. Und wer diese aufmerksam liest, entdeckt, dass das Gewissen keine Willkürinstanz ist. Es weiß sich in Beziehung zu Gott und erhält von dort Orientierung. Aus gutem Grund berühmtes Beispiel: das Doppelgebot der Liebe. Du sollst Gott, deinen Herrn, lieben von ganzem Herzen und deinen Nächsten wie dich selbst. Eigentlich ein Dreifachgebot mit der Liebe im Zentrum. Gott liebt mich, ich liebe zurück. Und weil das so ist, kann ich auch meinen Nächsten nicht mit Füßen treten. Und mich selbst auch nicht. Darin besteht meine Freiheit und meine Verantwortung. Ein Querdenken, das nur sich selbst sieht, beruft sich zweifelsfrei auf ein anderes Gewissen als Martin Luther.

Und hier kommt für mich Zukunft von Kirche ins Spiel. Oder auch schon Gegenwart. Nicht als Moralinstanz oder Gewissheits-Agentur, die mehr weiß als andere. Sondern als Ort, wo genau diese Fragen wichtig sind und gestellt werden müssen: Wie sieht eine Freiheit aus, die nicht nur das eigene Wohl sieht, sondern Verantwortung ernst nimmt? Wem gegenüber haben wir Verantwortung? Wie lässt sich individuelle Freiheit und Verantwortung gegenüber dem Gemeinwohl unter einen Hut bringen? Und was heißt das dann konkret für uns als Kirche, als Gesellschaft, als Gemeinschaft von Menschen, die miteinander leben soll und kann?

Böse Zungen würden nun behaupten, dass Kirche sich doch lieber heraushalten soll aus allem, was Politik und Gesellschaft betrifft. In den gerade mal 130 Tagen, die ich im Amt bin, waren sie schon zahlreich auf dem Tisch. Die Briefe und Meinungen, dass wir doch genug damit zu tun haben zu predigen, Seelsorge zu treiben, Menschen zu bestatten. Da braucht es doch nicht noch Meinung zu Klimaschutz, Kinderarmut, Bildungsgerechtigkeit und all den anderen Themen, die gesellschaftlich an der Tagesordnung sind. Aber da stehe ich nun und kann nicht anders: Wie soll sich das denn trennen lassen? Warum soll sich das trennen lassen, wenn Gott es nicht trennt? Ihm geht es nicht um Sonntagsmenschen, die werktags andere sind. Ihm geht es nicht um eine Seele, die sich aus dem Menschen herausfiletieren lässt, als führte sie eine Sonderexistenz. Ihm geht es immer um den ganzen Menschen in seiner ganzen Lebenswirklichkeit. Dann muss es uns auch darum gehen.

Zukunft von Kirche? Ganz sicher mit Profil, mit Stimme, mit Haltung. Ganz sicher auch mit hoher Fähigkeit zur Selbstkritik. Müßig zu erwähnen, dass wir uns als Kirche derzeit mit unserem Versagen mehr in die Schlagzeilen bringen als mit mutiger Position. Aber auch hier haben wir ein Gewissen, eine Gewissheit: Was geschehen ist, war tiefstes Unrecht und muss ans Licht. Weil wir eben keine unangreifbare Moralinstanz sind, sondern uns immer wieder in der Geschichte schuldig gemacht haben und dazu auch stehen müssen. Müßig zu erwähnen, dass wir uns als Kirche auch nicht immer einig sind. Aber auch hier haben wir ein Gewissen, eine Gewissheit: Der Streit um die Wahrheit ist so alt wie die Welt. Und er ist allemal besser als geistliche Überheblichkeit, die die Wahrheit gepachtet zu haben meint. Müßig zu erwähnen, dass auch ein Simon Petrus zu unserem Erbe gehört, der regelmäßig gekniffen hat, wenn es darauf ankam. Auch hier haben wir ein Gewissen, eine Gewissheit: Jesus Christus hat ihm zugetraut, der Fels zu sein, auf den er seine Kirche bauen will. Gottes Helden stehen nicht auf einem Sockel, sondern rappeln sich immer wieder auf aus Schmutz und Scham und Staub.

Dorothee Wüst ist seit März diesen Jahres pfälzische Kirchenpräsidenten. Den hier gekürzt wiedergegebenen Vortrag hielt sie am 12. Juli beim Rotary-Club Speyer.

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Freiheit ohne Verantwortung: Sogenannte Querdenker berufen sich auf ein anderes Gewissen als Martin Luther. Foto: epd
Freiheit ohne Verantwortung: Sogenannte Querdenker berufen sich auf ein anderes Gewissen als Martin Luther. Foto: epd

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