Andacht

Gewissen der Worte

Andacht zum 2. Sonntag nach Trinitatis

von Pfarrer Rudolf Ehrmantraut

Strebt nach der Liebe! Bemüht euch um die Gaben des Geistes, am meisten aber darum, dass ihr prophetisch redet! Denn wer in Zungen redet, der redet nicht zu Menschen, sondern zu Gott; denn niemand versteht ihn: Im Geist redet er Geheimnisse. Wer aber prophetisch redet, der redet zu Menschen zur Erbauung und zur Ermahnung und zur Tröstung. Wer in Zungen redet, der erbaut sich selbst; wer aber prophetisch redet, der erbaut die Gemeinde. Ich möchte, dass ihr alle in Zungen reden könnt; aber noch viel mehr, dass ihr prophetisch redet. Denn wer prophetisch redet, ist größer als der, der in Zungen redet; es sei denn, er legt es auch aus, auf dass die Gemeinde erbaut werde. Nun aber, Brüder und Schwestern, wenn ich zu euch käme und redete in Zungen, was würde ich euch nützen, wenn ich nicht mit euch redete in Worten der Offenbarung oder der Erkenntnis oder der Prophetie oder der Lehre?

1. Korinther 14, 1–6 (7–12), (23–25)

Die Erfahrung, einmal in einer Gemeinde Zungenreden erlebt zu haben, möchte ich nicht missen, aber auch nicht wiederholen. Ich kann damit nichts anfangen, da ich nicht verstehe, was dabei ausgedrückt werden soll. Mir ist es lieber, wenn man Tacheles redet, klar, deutlich und mutig. Erlebt habe ich auch, dass jemand prophetisch redet, damals, lange ist es her, in der Tschechoslowakei, Christen wurden unterdrückt, von Ausbildungsmöglichkeiten ausgeschlossen, doch sie lebten ihren Glauben. Einmal konnte ich die Partnergemeinde besuchen, und Jaromir, der Ortspfarrer sagte damals zu mir: „Wir leben im Karfreitag, aber wir wissen um die Kraft von Ostern.“ In diesem ganz einfachen Satz brachte er eine Hoffnung zum Ausdruck, die stärker war und ist als alle Ketten. Mut, Hoffnung, befreiende Worte.

In diesen Tagen erinnern wir uns an Luthers mutiges Auftreten vor dem Reichstag in Worms vor genau 500 Jahren. Worte des Gewissens, die neue Welten schaffen können. Vielleicht meinte das Paulus damit als er den Korinthern schrieb: „aber noch viel mehr, dass ihr prophetisch reden könntet“ in Worten, die befreien, Wege eröffnen und Horizonte weiten.

Worte, Worte, wie Sand am Meer. Unsere Welt ist voll davon. Erste Worte und letzte Worte, Machtworte und Gerede, leise Töne und laute Töne, gesprochene, gesungene, getwitterte. Es sind Worte, die laufen, mal größer, mal kleiner, mal dunkler, mal heller werden.

In der biblischen Tradition ist Sprechen und Erschaffen ein und dasselbe. Diese schöpferische Kraft des Worts müssen wir neu entdecken, zunächst einmal hören lernen und bewusst damit umgehen. Was wir sagen, ist wichtig, in welchem Geist wir etwas sagen, bedeutsam oder wie Paulus es ausdrückt: „damit die Gemeinde dadurch erbaut werde“. Achten wir auf unsere Sprache; die „Sendetaste“ im Kopf und auf der Tastatur ist schnell gedrückt, dann ist das Wort in der Welt und im Netz und kann zum Fangnetz werden.

In welchem Geist werden sie gesprochen? Paulus gibt den Ton gleich zu Beginn des Kapitels an: „Strebt nach der Liebe“, so beginnen die Zeilen. Er überschlägt sich geradezu in seinem Hohelied der Liebe, das er auch ein Kapitel davor an die Korinther schreibt, und hier nun die Ausführungsbestimmungen für den Umgang mit der Sprache nachliefert.

„Die Liebe freut sich nicht an der Ungerechtigkeit, sie freut sich an der Wahrheit“, schreibt er im Hohelied der Liebe, man kann den Satz auch umdrehen, dann ergibt es auch Sinn: „Die Wahrheit freut sich an der Liebe“, jenseits aller ideologischen und weltanschaulichen Ummantelung, einfach die Wahrheit in Verantwortung und mit Mut aussprechen.

Worte, Worte, wie Sand am Meer, Sprachhoheit ist Deutungshoheit, wie gerne möchte man in Corona-Zeiten dem verantwortungsvollen Wort vor dem schnellen Talkshow-Wort mehr Aufmerksamkeit schenken wollen.

Der Literaturnobelpreisträger Elias Canetti hat es auf den Begriff gebracht, wenn er vom „Gewissen der Worte“ spricht. Wir alle, die wir Worte in die Welt setzen, müssen gewissenhaft damit umgehen, denn die Tragweite der Worte ist enorm; sie können aufbauen und vergeben, aber auch zerstören und verletzen, segnen und verfluchen. Die Worte des Gewissens und das Gewissen der Worte, beide zum richtigen Zeitpunkt auszusprechen und verantwortungsvoll zu benutzen, das gelingt natürlich nur sehr selten. Deshalb bitten wir am Pfingstfest: „O komm, du Geist der Wahrheit, und kehre bei uns ein, verbreite Licht und Klarheit, verbanne Trug und Schein. Gieß aus dein heilig Feuer, rühr Herz und Lippen an, dass jeglicher getreuer den Herrn bekennen kann“ (EG 136).

Rudolf Ehrmantraut ist Generalsekretär der Kirchen am Rhein und Pfarrer im Diakonischen Werk Pfalz.

Gebet

Ungezählt, Gott, sind die Botschaften, die uns Tag für Tag erreichen – in Gedanken und Worten, in Gesten und Taten, in Zeichen und Bildern. Wir bitten dich, Gott, lass deine Botschaft überall hörbar werden: deine Botschaft der Liebe und der Versöhnung. Lass deinen Geist einziehen überall in unserer heillosen Welt. Amen.