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Gerechtigkeit und Recht

Andacht zum vorletzten Sonntag des Kirchenjahres

von Pfarrer Wolfgang Kafitz

Er sagte ihnen aber ein Gleichnis davon, dass man allezeit beten und nicht nachlassen sollte, und sprach: Es war ein Richter in einer Stadt, der fürchtete sich nicht vor Gott und scheute sich vor keinem Menschen. Es war aber eine Witwe in derselben Stadt, die kam immer wieder zu ihm und sprach: Schaffe mir Recht gegen meinen Widersacher! Und er wollte lange nicht. Danach aber dachte er bei sich selbst: Wenn ich mich schon vor Gott nicht fürchte noch vor keinem Menschen scheue, will ich doch dieser Witwe, weil sie mir so viel Mühe macht, Recht schaffen, damit sie nicht zuletzt komme und mir ins Gesicht schlage. Da sprach der Herr: Hört, was der ungerechte Richter sagt! Sollte aber Gott nicht Recht schaffen seinen Auserwählten, die zu ihm Tag und Nacht rufen, und sollte er bei ihnen lange warten? Ich sage euch: Er wird ihnen Recht schaffen in Kürze. Doch wenn der Menschensohn kommen wird, wird er dann Glauben finden auf Erden?

Lukas 18, 1–8

Das Ende des Kirchenjahres ist gekommen, und so erwartet uns ein Gleichnis, das es in sich hat. Anschaulich, lebensnah und doch vielschichtig. Wohl den Christenmenschen, die die Möglichkeit haben, ihre Gedanken und Fragen in einem Haus- oder Bibelkreis zur Sprache zu bringen. Hier können Sie lesen, was uns eingefallen ist.

Da zeigt sich wieder einmal: Korruption hat Tradition, und wir alle sehen, wohin das führt. Zu Frust und Enttäuschung. Immer weniger Menschen stehen zu ihren Überzeugungen. Sie ziehen sich ins Private zurück. Sie reagieren mit Misstrauen gegen die da oben. Mit ohnmächtigem Zorn.

Dabei geht es uns noch gut. Stellen wir uns vor, wir wären einem solchen selbstherrlichen Richter ausgeliefert. Gnade Gott. Aber diese Frau, die nimmt den Kampf auf. Obwohl sie eigentlich keine Chance hat, erreicht sie ihr Ziel. Weil sie keine Ruhe gibt. Der Richter reagiert, bevor sein Image Schaden nimmt. Aber sollte sie nicht für diese verlorene Seele beten? Sich daran erinnern, dass unser Herr diejenigen seligpreist, die Verfolgung leiden? Befremdlich ist zudem, dass unser Gott mit so einem Richter verglichen wird. Wo er doch die Liebe in Person ist.

Nun, ich denke, wir sollten zu dem einen Punkt kommen, der in so einem Gleichnis wichtig ist. Hier ist es die Beharrlichkeit im Umgang mit Gott. Dass wir mit ihm rechnen dürfen. Weil er für Liebe und Gerechtigkeit steht. Als echter Anwalt des Lebens. Als Inbegriff des guten Richters. Schauen wir ins Alte Testament, in die hebräische Bibel. Wie er sich für die kleinen Leute einsetzt, ein offenes Ohr für sie hat und ihnen zu ihrem Recht verhilft. Wie er dazu ermutigt, Unrecht beim Namen zu nennen.

Denken wir an Sprüche 31, 8–9: „Tu deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind. Tu deinen Mund auf für die Stummen und richte in Gerechtigkeit und schaffe Recht dem Elenden und Armen.“

Ein Wort, das Dietrich Bonhoeffer sehr wichtig war und das er auch frommen Zeitgenossen entgegenhielt, die die Hände in den Schoß legten, statt dem Rad in die Speichen zu fallen. Wobei viele Fromme immer noch treu zu ihrer Kirche standen und die Fahne nicht in den Wind hängten.

Oftmals waren es Frauen, die einiges wagten und gegen den Strom schwammen. Da gab es viele solcher Beispiele. Ich denke an meine Oma mit ihrem freundlichen „Grüß Gott“, als längst der andere Gruß angesagt war. Und zum Abschied sagte sie „Gott befohlen“!

Ich denke an meine Tante. Der Mann war im Krieg. Ihr Ältester bekam Bescheid, nun wäre er „dran“. Ein Junge von 16 Jahren. Sie hat sich schützend vor ihn gestellt und ihm vielleicht das junge Leben gerettet. Ich denke auch an die Bauersfrauen, die einen Fremdarbeiter zugewiesen bekamen. Einen Franzosen, Polen, Ukrainer oder Russen. Der bekam ein anständiges Bett und aß mit am Tisch. Das konnte Ärger geben in diesen Zeiten.

Aber auch heute gibt es Menschen, die Farbe bekennen. Menschen mit Gottvertrauen und Courage. Russlanddeutsche begleiten ukrainische Familien zu Ämtern und Behörden. Sie übersetzen und füllen Formulare aus. In Stadt und Land sorgen Leute für Wohnraum. In halb Osteuropa haben die Menschen Unterkünfte für Flüchtlinge organisiert. Russinnen stellen sich vor ihre Männer und Söhne und treten ein für Frieden. Selbst im Iran stehen die Zeichen auf Veränderung.

Ja, auch heute gibt es noch viele ermutigende Beispiele von Menschen, die sich für Recht und Gerechtigkeit einsetzen. Menschen wie du und ich. Gut, darüber zu sprechen. Gut, sich bewusst zu machen: Wir können, was uns bewegt, vor Gott bringen und können gemeinsam viel bewegen. Also bleiben wir dran. Bleiben wir dran. Gott befohlen!

Wolfgang Kafitz ist Pfarrer in Walsheim-Breitfurt im ­Dekanat Zweibrücken.

Gebet

Guter Gott, wir vertrauen deinem Wort. Du bist ein Gott der Liebe und der Gerechtigkeit. Du hast ein offenes Ohr für das, was Menschen bewegt. Hilf uns, dir zu vertrauen, dass wir gute Worte finden und Taten sprechen lassen, die dir die Ehre geben. Bleibe bei uns im Wandel der Zeiten und leite unsere Schritte dahin, wo du uns willst und brauchst. Amen!

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Beten und nicht nachlassen: Die Beharrlichkeit der Witwe ist das Wichtige im Gleichnis vom ungerechten Richter in Lukas 18, 1-8. Foto: pixabay
Beten und nicht nachlassen: Die Beharrlichkeit der Witwe ist das Wichtige im Gleichnis vom ungerechten Richter in Lukas 18, 1-8. Foto: pixabay

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