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Für das Hier und Jetzt

Andacht zum 14. Sonntag nach Trinitatis

von Pfarrer Claus Müller

Wir ermahnen euch aber: Weist die Nachlässigen zurecht, tröstet die Kleinmütigen, tragt die Schwachen, seid geduldig mit jedermann. Seht zu, dass keiner dem andern Böses mit Bösem vergelte, sondern jagt allezeit dem Guten nach, füreinander und für jedermann. Seid allezeit fröhlich, betet ohne Unterlass, seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus für euch. Den Geist löscht nicht aus. Prophetische Rede verachtet nicht. Prüft aber alles und das Gute behaltet. Meidet das Böse in jeder Gestalt. Er aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch und bewahre euren Geist samt Seele und Leib unversehrt, untadelig für das Kommen unseres Herrn Jesus Christus. Treu ist er, der euch ruft; er wird’s auch tun.

1. Thessalonicher 5, 14–24

„Was sollen die Menschen bei Ihrer Beerdigung über Sie sagen?“ – diese auf den ersten Blick etwas makaber erscheinende Frage ist mir schon mehrfach bei Seminaren und in Ratgebern begegnet. Wenn man sich darauf einlässt, so regt sie dazu an, das eigene Leben von seinem Ende her zu betrachten. Wer will ich gewesen sein? Womit will ich in Erinnerung bleiben? Was ist mir am Ende wirklich wichtig?

Das Faszinierende an dieser Frage und dem Perspektivwechsel ist, dass sie zugleich mein Leben jetzt und hier in einem anderen Licht erscheinen lässt. Was müssen dann jetzt meine Prioritäten sein? Wenn ich meinen Kindern als liebender Vater in Erinnerung bleiben möchte, dann sollte ich mir jetzt für sie Zeit nehmen. Wenn ich eine geschätzte Kollegin gewesen sein möchte, dann sollte ich mich jetzt kollegial verhalten. Und so verschieben sich vom Ende her betrachtet vielleicht meine Prioritäten für das Hier und Jetzt.

Auch der Apostel Paulus lädt seine Gemeinde in Thessaloniki dazu ein, ihr Leben vom Ende her zu betrachten. Und er ermutigt sie dazu, daraus Konsequenzen für ihr Leben hier und jetzt zu ziehen. Dabei ist für Paulus klar: Am Ende gibt es ein „Happy End“. Paulus rechnet damit, dass – noch zu seinen Lebzeiten – der auferstandene Jesus wieder zurückkommen wird, dass er dann diese Welt heilen wird, dass er Unrecht, Leid und Tod überwinden und diese Welt vollenden wird. Am Ende wird alles gut. Das ist für Paulus die Perspektive, unter der er sein Leben und das Leben seiner Gemeinde betrachtet. Und von diesem Ende her versucht er dann, Konsequenzen für das alltägliche Leben zu ziehen. Was bedeutet die Aussicht auf ein „Happy End mit Gott“ für das Leben hier und jetzt?

Dazu gibt Paulus seiner Gemeinde Tipps und Ratschläge. Dabei klingt manches von dem, was er schreibt, zugegebenermaßen ziemlich antiquiert und verstaubt, zum Beispiel „weist die Unordentlichen zurecht“… Anderes erweist sich dagegen nach wie vor als ein guter und kluger Ratschlag, zum Beispiel „prüfet alles und das Gute behaltet“.

Getragen sind aber all die vielen einzelnen Ratschläge des Paulus von seiner unerschütterlichen Hoffnung, dass Gott es am Ende gut machen wird. Dies führt ihn zu einer heiteren Gelassenheit, die sich in Sätzen zeigt wie: „Seid allezeit fröhlich“ oder: „Seid dankbar in allen Dingen“! – Und das schreibt jemand, der um seines Glaubens willen verfolgt, verprügelt, verhaftet und am Ende hingerichtet wurde …! – Doch Paulus gelingt es, bei alledem und trotz alledem über das Jetzt und Hier hinauszublicken. Dort sieht er die großartige Zukunft Gottes vor sich, die ihm wiederum Hoffnung und Gelassenheit für den Alltag gibt und die Kraft, Dinge schon jetzt und hier anzupacken.

Unser Leben und diese Welt vom Ende her zu betrachten, dazu lädt der 1. Thessalonicherbrief auch uns ein. Und auch wenn wir heute – nach 2000 Jahren – vielleicht nicht mehr damit rechnen, dass Jesus noch zu unseren Lebzeiten wiederkommt, so gehört doch bis heute die Hoffnung, dass Gott es am Ende gut machen wird, zur DNA des christlichen Glaubens. Dass diese Hoffnung dann aber auch bis in unseren Alltag hineinstrahlt und sich in unserem alltäglichen Verhalten widerspiegelt, dazu ermutigt Paulus.

Vielleicht legen wir heute auf andere Dinge Wert als Paulus damals, zum Beispiel dass sich unsere Hoffnung auf Heilung der ganzen Welt schon jetzt in unserem Umgang mit der Schöpfung oder im praktischen Engagement für die Nächsten widerspiegelt. Oder dass die Hoffnung auf Frieden auch den Einsatz für gerechte Strukturen umfasst.

In jedem Fall bleibt es aber eine anregende Übung, mein Leben einmal konsequent vom Ende her zu betrachten. Wer will ich im Licht von Gottes gutem Ende einst gewesen sein? Was gibt mir Glaube und Hoffnung? Und wie spiegelt sich diese Hoffnung in meinem alltäglichen Verhalten wider?

Dr. Claus Müller ist seit März 2021 ­Bildungsdezernent der Landeskirche.

Gebet

Gott, ich danke dir für die Hoffnung, die du schenkst – für mich und für diese Welt. Hilf mir, dass sich davon heute in meinem Reden und Handeln etwas widerspiegelt! Amen.

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Vom Ende her denken: Bewahrung der Schöpfung heißt über unseren persönlichen Umgang mit der Umwelt nachdenken. Foto: pixabay
Vom Ende her denken: Bewahrung der Schöpfung heißt über unseren persönlichen Umgang mit der Umwelt nachdenken. Foto: pixabay

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