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Friedensmantra zum Frühstück

Für die Besucher ist das Camp der Kampagne „Stopp Air Base Ramstein“ ein Stück Selbstvergewisserung

Alia ist müde. Die Nacht war kurz, bis 7 Uhr war sie auf. Und doch ist um kurz vor zehn die Ladefläche ihres Lastwagens aufgeklappt. Der ist zu einem Camper umfunktioniert. Schlafgelegenheit, eine Kochecke, Gitarre und – ja – ein Klavier haben darin Platz. Gestern noch hatte sie zum Zuhören eingeladen an ihren „Musebus“. Jetzt sind andere am Musizieren. Aus der Jurte nebenan tönen Trommeln, es wird geprobt für die Demonstration an der Air Base Ramstein am folgenden Tag.

„Friedenscamp“ weist ein Schild an der Straße zwischen Steinwenden und Kottweiler-Schwanden zu einer großen Wiese. Friedensfahnen wehen weithin sichtbar, dazwischen Campingbusse, Wohnmobile und Zelte. Zehn Tage lang ist dieser Flecken in der Westpfalz rund drei Kilometer Luftlinie von der größten US-Airbase in Europa das Zuhause mehrerer hundert Menschen, vom Kleinkind bis zur Rentnerin.

„Aktivworkshops, politische Veranstaltungen, Kulturprogramm und als Viertes der Austausch, beim Frühstück, an der Bar. Miteinander statt übereinander.“ So umreißt der Frankfurter Karl-Heinz Peil die Aktionswoche. Sie findet seit 2015 statt, seit 2016 mit einem Camp – das nur 2020 wegen Corona ausfallen musste. Ein Bauer stellt die Wiese, 32000 Euro kosten Bühne, Zelte, Duschwagen, Feldküche und anderes mehr den Veranstalter, die Berliner Kampagne „Stopp Air Base Ramstein“, sagt Gründungsmitglied Peil.

Während einige mit Zahnbürste und Handtuch unter dem Arm über das Gelände tappen, hat Yogi Dada M., ganz in leuchtendes Orange gekleidet und mit langem, grauen Bart, bereits genügend kaffeegestärkte Menschen ins große Zelt gelockt. Konzentriert lauschen sie seiner sanften Stimme, trotz der Trommelgruppe, die jetzt durchs Camp zieht. „Alles, was wir tun, tun wir, um glücklich zu sein. Doch in der äußeren Welt ist nur begrenztes Glück“, bricht er eine Lanze für Meditation und die Suche nach dem inneren Glück. Wenig später greift er zur Gitarre. „Om Shanti“, füllt das Friedensmantra das Zelt.

Sie wohne in der Nähe im Saarland, erzählt eine Besucherin. Die Militärflugzeuge aus Ramstein flögen im Tiefflug über den Garten. „Das hat mir als Kind immer schon Angst gemacht.“ Inzwischen ist die 31-Jährige selbst Mutter. Ihre beiden Töchter, ein und viereinhalb Jahre, sitzen im Gras. Von ihrer Einstellung her sei sie Pazifistin, sagt sie. Kein Camp habe sie bisher ausgelassen. Aber im Ukraine-Krieg gebe es keine eindeutigen Lösungen. „Mein Schwager ist aus Estland, er fühlt sich bedroht.“ Wie auf Kommando hebt über dem Horizont eine amerikanische Maschine ab von der Air Base.

Markus Willmann aus dem Schwarzwald klebt eine Deutschlandkarte auf eine Holzwand, auf der Besucher ihren Herkunftsort markieren können. „Dann können sie sich auch jenseits des Camps zu Aktionen verabreden.“ Menschen motivieren will auch das Netzwerk „StreetOps“. Nadine und Simone aus der Gegend um Passau, die gerade einen Pappsarg für die Demonstration basteln, bieten selbst gemachtes Badesalz oder Reinigungsmittel an. Nicht nur Umweltschutz steht auf ihrer Agenda, auch Obdachlosenhilfe und Aktionen für den Frieden. „Deshalb haben wir uns beworben für das Camp.“ Ihre Mitstreiter Andreas Barder und Christian Tegel schleppen Mikrofone und Kabel auf die Bühne. „Über Musik können wir diese Botschaften besser verbreiten.“

Es geht gegen Mittag. Im Zelt spricht jetzt Joachim Guilliard vom Heidelberger Forum gegen Militarismus und Krieg über die Folgen von Wirtschaftssanktionen gegen Russland. Curryduft weht von der Feldküche hinüber. Am Camp-Eingang steht Pascal Luig, Sprecher der Kampagne. „Wir brauchen einen Waffenstillstand, müssen verhandeln“, sagt Luig, der besorgt ist, weil es kein rotes Telefon mehr gibt. Die Menschen seien sich der Gefahr anders als zu Zeiten des Kalten Kriegs nicht mehr bewusst. „Wenn es einen Schlag Russlands gegen die Nato gibt, dann als Erstes auf Ramstein.“

Dennoch: Viele lebten vom Engagement der Amerikaner, sähen das Camp kritisch. Für etliche Besucher aber sei es eine Art Selbstvergewisserung jenseits des Alltags in ihrem Engagement für den Frieden. „Dass andere Menschen ihre Sorgen und Ängste verstehen und teilen.“ Florian Riesterer

Wüst: Militärbasis Ramstein ist kein normaler Teil der Region

Podiumsdiskussion anlässlich der Aktionswoche – Vorsitzende von „Church and Peace“ verteidigt pazifistische Mittel zur Konfliktbewältigung

Kirchenpräsidentin Dorothee Wüst hat dazu aufgerufen, die Existenz der US-Militärbasis Ramstein nicht als Normalität hinzunehmen. Ein US-Stützpunkt, von dem aus mutmaßlich tödliche Drohnen gesteuert würden, könne für Christinnen und Christen kein normaler Teil der Region sein, sagte Wüst bei einer Podiumsdiskussion in Kaiserslautern. Allerdings müsse berücksichtigt werden, dass es unter der Bevölkerung der Westpfalz keinen Grundkonsens gegen die Airbase gebe.

Wer gegen die Airbase argumentiere, müsse Alternativen für die wirtschaftliche Entwicklung der Region aufzeigen, sagte Wüst. „Die Vision einer Zukunft ohne den Militärstützpunkt muss stärker sein als die Angst vor dem, was verloren gehen könnte.“ Dabei sei es wenig hilfreich, Feindbilder zu kultivieren. Vielmehr müssten die Gegner der Militärbasis achtungsvoll mit Menschen reden, die anderer Meinung seien.

Wüst warnte davor, bei der Frage nach einer friedlichen Welt nur auf das Militär zu schauen. Zusätzlich müssten soziale Faktoren wie Armut und Bildungsgerechtigkeit in den Blick genommen werden. Unfrieden entstehe, wenn Menschen keine Chance auf ein gutes Leben hätten. „Frieden braucht auch soziale Gerechtigkeit.“

Vor der Podiumsdiskussion hatte die Vorsitzende des ökumenischen Friedensnetzwerks „Church and Peace“, Antje Heider-Rottwilm, den Pazifismus als Mittel zur Konfliktlösung verteidigt. Angesichts des russischen Überfalls auf die Ukraine sei der Vorrang der Gewaltlosigkeit keineswegs überholt. Er habe in dem Konflikt nur bisher keine Chance gehabt, sagte die ehemalige Leiterin der Europaabteilung der EKD.

Richtig verstanden sei der Pazifismus ein Weg zwischen Gewalt und Nichtstun, sagte Heider-Rottwilm. Zahlreiche Studien zeigten, dass gewaltfreier Widerstand bei Konflikten deutlich häufiger zu nachhaltigem Frieden geführt hätte als militärische Gewalt. Natürlich sei es das Recht der Ukraine, ihre Abwehrstrategie zu wählen. Aber das verbiete nicht das Nachdenken über andere Möglichkeiten, den Konflikt zu beenden. Vor allem deshalb, weil bei militärischen Konflikten die Fronten zunehmend verhärteten und die Entmenschlichung zunehme.

Statt auf Militär zu setzen, könnten Menschen in sozialer Verteidigung ausgebildet und ziviler Widerstand organisiert werden. Die Ukraine habe das Wissen, mit friedlichen Mitteln Veränderungen herbeizuführen, sagte Heider-Rottwilm. Das hätten die Orangene Revolution 2004 und die Maidan-Revolution 2014 gezeigt.

Vortrag und Diskussion waren Teil der Aktionswoche „Stopp Air Base Ramstein“. Die Veranstalter wollten damit nach eigenen Angaben gegen die militärische Aufrüstung zwischen der Nato und Russland demonstrieren. Dabei spiele der US-Luftwaffenstützpunkt Ramstein eine entscheidende Rolle. koc

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Blutig und düster mit schwarzen Särgen, als Totenkopf geschminkt: Demonstranten vor der Airbase Ramstein. Foto: view
Blutig und düster mit schwarzen Särgen, als Totenkopf geschminkt: Demonstranten vor der Airbase Ramstein. Foto: view
Zieht die Friedenscamp-Besucher in Steinwenden beim Yoga-Workshop in seinen Bann: Yogi Dada M. Foto: view
Zieht die Friedenscamp-Besucher in Steinwenden beim Yoga-Workshop in seinen Bann: Yogi Dada M. Foto: view

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