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„Europa braucht Eure spirituelle Inspiration“

Auf dem Weg zur Vollversammlung des Ökumenischen Rats der Kirchen 2022 – von Marc Witzenbacher

Zum Jubiläum „200 Jahre Evangelische Landeskirche in Baden“ war es ein besonderes Geschenk, dass der Ökumenische Rat der Kirchen im Jahr 2018 entschieden hatte, seine elfte Vollversammlung 2021 in Karlsruhe abzuhalten. Nach mehr als 50 Jahren wieder in Europa und erstmals in Deutschland sollte die Vollversammlung ganz plastisch vor Augen führen, dass die Landeskirche – wie es die Unionsurkunde von 1821 formuliert – „mit allen Christen in der Welt befreundet“ ist und gemeinsam mit Christinnen und Christen aus aller Welt ein Zeugnis für Versöhnung und Einheit ablegt. Die Coronapandemie erforderte es, die Versammlung auf das Jahr 2022 zu verschieben. So wird aus einem der erwarteten Höhepunkte eine gestreckte Handlung. Doch bietet dies die Chance, die Vollversammlung noch intensiver vorzubereiten und bereits Früchte, Ergebnisse und Erkenntnisse des badischen Jubiläumsjahres in die Vorbereitungen einzubringen.

In seiner Einladung an den Zentralausschuss des ÖRK bekräftigte der damalige Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm, welche Erwartungen die gastgebenden Kirchen an eine Vollversammlung in Europa knüpfen: „Der wichtigste Grund nach Europa einzuladen ist jedoch, dass wir hoffen, zu empfangen. Europa braucht Euch. Europa braucht Eure spirituelle Inspiration. Europa braucht Eure Ermutigung. Europa braucht Eure Freude am Glauben. Europa braucht Euer Fragen nach Frieden und Gerechtigkeit. Europa braucht Eure Präsenz als sichtbares Zeichen der Einen Welt, nach der wir uns alle sehnen.“

Die vom 31. August bis zum 8. September 2022 stattfindende Vollversammlung bietet diese Gelegenheit, sich zu begegnen, voneinander zu lernen und gemeinsam ein Zeugnis der Hoffnung und der Zuversicht zu geben. Ein Zeichen dafür ist bereits die gemeinsam ausgesprochene Einladung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), der Evangelischen Landeskirche in Baden, der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland (ACK), der Union der Protestantischen Kirchen von Elsass und Lothringen (UEPAL) und der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz.

Eine ÖRK-Vollversammlung ist das repräsentativste globale Ereignis der Weltchristenheit mit rund 800 Delegierten der 350 Mitgliedskirchen des ÖRK sowie mehreren Tausend Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus mehr als 110 Ländern. Auch Vertreterinnen und Vertreter anderer Religionen sowie verschiedener Organisationen wie der UNICEF oder der Evangelischen Weltallianz werden teilnehmen. Ebenso wird eine größere Delegation der römisch-katholischen Kirche kommen. Die römisch-katholische Kirche ist zwar kein Mitglied des ÖRK, unterhält aber seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil intensive Beziehungen, ist ständiges Mitglied in mehreren Kommissionen und finanziert eine Professur am Ökumenischen Institut in Bossey. Für die römisch-katholische Kirche in Deutschland war es von Beginn an selbstverständlich, sich an den Vorbereitungen der Vollversammlung intensiv zu beteiligen. Sie gehört nicht nur dem Gastausschuss, dem Leitungskreis aus Mitgliedern der einladenden Kirchen, an, sondern finanziert auch die Arbeit eines katholischen Theologen im Koordinierungsbüro in Karlsruhe. Katholische Gemeinden und Einrichtungen sollen motiviert und möglichst breit in die Gestaltung der Vollversammlung einbezogen werden.

Die elfte Vollversammlung steht unter dem Motto „Die Liebe Christi bewegt, versöhnt und eint die Welt“. Das Thema bietet zahlreiche Aspekte für theologische Reflexion, Gottesdienst und Meditation. Der Hinweis auf die barmherzige und bewegende Liebe Christi, die versöhnt und eint, soll den Kirchen und der Welt Hoffnung schenken inmitten von Ängsten und grundlegenden existenziellen, strukturellen und gesellschaftlichen Fragen, die sich im Zusammenhang der globalen zivilisatorischen Krisen stellen.

Der Planungsausschuss konnte nicht dort anknüpfen, wo er seine Arbeit an den Vorbereitungen der Versammlung vor der Pandemie beendet hatte. Einige „Megatrends“ wurden identifiziert, vor deren Hintergrund die weiteren inhaltlichen Planungen bedacht werden sollen. Dazu gehören unter anderem auch die thematischen und praktischen Auswirkungen aktueller globaler Realitäten wie der Klimawandel, die Coronapandemie oder auch der anwachsende Rassismus. Zudem soll ein tieferes Verständnis der Beziehung zwischen Heilung, Befreiung und Versöhnung deutlich werden. Vor dem Wiedererstarken von Militarismus und Populismus soll gewarnt werden. Und schließlich soll auf die ambivalenten Auswirkungen der digitalen Revolution hingewiesen werden.

Der ÖRK bleibt eine Gemeinschaft, die sich für Gerechtigkeit, Frieden und sichtbare Einheit einsetzt. Diese Überzeugung hat in den sieben Jahrzehnten seit Gründung des ÖRK auch bei den Vollversammlungen in den Erklärungen zur sichtbaren Einheit Ausdruck gefunden. Eine wichtige Aussage traf die ÖRK-Versammlung in Uppsala im Jahr 1968, dass die Kirche selbst als Zeichen der noch ausstehenden Einheit der Menschheit verstanden werden könne. Dies schließt den Auftrag ein, gegen die wirtschaftliche, politische und soziale Degradierung und Ausbeutung von Menschen zu kämpfen. 2022 wird die Vollversammlung in Karlsruhe eine Einheitserklärung verabschieden, um den Kirchen zu helfen, sich gegenseitig zu sichtbarer Einheit in einer eucharistischen Gemeinschaft aufzurufen.

Das Programm der Vollversammlung umfasst zahlreiche Elemente wie Gottesdienste, Andachten und Bibelarbeiten, Gesprächsgruppen zum gemeinsamen Bibelstudium, Geschäftssitzungen, thematische Sitzungen, sogenannte. Ökumenische Gespräche und dem „Brunnen“-Bereich, in dem sich Organisationen und Kirchen mit Workshops und Ausstellungen präsentieren.

Es ist geplant, ein großes Zelt für Gottesdienste und Andachten auf dem Gelände der Vollversammlung zu errichten, da Vollversammlungen vor allem auch spirituelle Ereignisse sind, die inspirieren und orientieren. Alle Gottesdienste und Andachten sowie die öffentlichen Teile der V Vollversammlung wie Bibelarbeiten oder thematische Plena können online mitverfolgt werden.

In enger Zusammenarbeit mit dem ÖRK bereiten sich die gastgebenden Kirchen in Deutschland, Frankreich und der Schweiz auf ihre Aktivitäten für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Vollversammlung vor. Dazu gehören ökumenische Begegnungen, Exkursionen und das Wochenendprogramm mit einem Kulturabend, der einen unterhaltsamen und informativen Einblick in die Geschichte und die besonderen Prägungen sowie Herausforderungen der Region Europa bieten soll. Ein Begegnungsprogramm für Besucher und Besucherinnen der Vollversammlung bietet die Chance, sich intensiver mit der Arbeit des ÖRK zu beschäftigen und Gästen aus aller Welt zu begegnen.

Die ÖRK-Vollversammlung 2022 bietet zahlreiche Chancen, die sich gut mit den Erfahrungen als unierte Kirche und den Themen des landeskirchlichen Jubiläumsjahres 2021 in Einklang bringen lassen. So kann die Vollversammlung dazu dienen, dass auch hierzulande die Breite der Kirchen besser in den Blick kommt. Viele von ihnen leben unter uns und bereichern die kirchliche Landschaft, wie beispielsweise der Internationale Konvent Christlicher Kirchen in Baden zeigt. Die Vollversammlung kann die ökumenische Leidenschaft und die Bemühungen um eine größere und vertiefte Einheit neu entfachen. Sich als Teil der großen weltweiten Christenheit zu verstehen, war schon vor 200 Jahren ein wichtiger Motor für die Einheit. Hoffentlich bringt die Vollversammlung einen wichtigen Schub für die ökumenische Situation in Europa und in Deutschland. Die Vollversammlung und ihr Zeugnis könnten dabei helfen, in unserem ökumenischen Miteinander vor Ort konsequenter und mutiger zu sein.

Auch kann die Rolle und die Verantwortung der Kirchen in unserer Gesellschaft gestärkt werden. Gerade die säkularen Institutionen, Kultureinrichtungen sowie auch die Politik zeigen großes Interesse an der Vollversammlung. Sie erkennen, dass die Kirchen und Religionsgemeinschaften wichtige Multiplikatoren und Motoren für gesellschaftliche Entwicklungen sind. Die Vollversammlung kann dazu beitragen, dass dies auch bei uns wieder neu verstanden und diese Chance von den Kirchen ergriffen wird.

Dr. Marc Witzenbacher ist Leiter des Koordinierungsbüros der Vollversammlung des Ökumenischen Rats der Kirchen 2022 in Karlsruhe. Der Beitrag erschien zum Abschluss des 200. Jubiläums der badischen Landeskirche (siehe epd-Dokumentation Nr. 48/49 vom 30 November 2021).

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Abschlussplenum: Die bisher letzte Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen fand 2013 in der südkoreanischen Hafenstadt Busan  statt. Foto: epd
Abschlussplenum: Die bisher letzte Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen fand 2013 in der südkoreanischen Hafenstadt Busan statt. Foto: epd

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