Glosse

Erklärungen sind besser als Bitten um Vergebung

von Klaus Koch

Corona ist gefährlich. Wir müssen uns so gut wie möglich vor dem Virus schützen. Wer beides leugnet, redet Unsinn. Das ist eine Tatsache. Ebenso ist es eine Tatsache, dass politisches Handeln in der Krise einem Ritt auf der Rasierklinge gleicht. Keiner kann genau wissen, welche Wirkung welche Entscheidung hat. Das weiß ich alles. Und dennoch gehen mir die Politiker zunehmend auf die Nerven. Dabei misstraue ich ihnen nicht grundsätzlich. Außer, sie werden pathetisch und paternalistisch.

Als mündiger Wahlbürger will ich mir von der Kanzlerin nicht sagen lassen, dass ich, wenn ich schön brav bin, ein bisschen freier Weihnachten feiern darf. Nur um wenig später darauf hingewiesen zu werden: Wer dieses Jahr mit Oma feiert, hat sie nächstes Jahr vielleicht nicht mehr. Und ist daran schuld. Mir muss auch kein Ministerpräsident danken, dass ich Maske trage, mich nicht in der Fußgängerzone drängle oder an Silvester keine ausschweifende Party feiere. Auch das Zählen der minütlich an oder mit Corona Sterbenden durch den bayerischen Ministerpräsidenten hilft mir bei der politischen Willensbildung nicht.

Gänzlich auf die Palme bringt mich Gesundheitsminister Spahn, wenn er voraussagt, am Ende der Krise hätten wir uns alle viel zu vergeben. Vergebung ist ein Prozess, in dem ein Opfer dem Täter absichtlich oder fahrlässig zugefügtes Unrecht nicht länger nachträgt. Spahn wird uns mit seiner Aussage aber sicher nicht darauf vorbereiten wollen, dass am Ende der Pandemie die Politik dem Volk vergibt. Eher spekuliert er wohl aufs Gegenteil. Ich will einem Politiker aber nicht vergeben. Wenn er etwas falsch gemacht hat, will ich, dass er mir erklärt, warum er das getan hat, wann er den Fehler bemerkt hat, was er dagegen unternommen hat und welche Schlüsse er daraus zieht. Wenn er dies ohne geheuchelte Fürsorge und ohne dackeltreuen Blick tut, wähle ich ihn - vielleicht.

Ihr
Klaus Koch