Andacht

Er lässt uns nicht fallen

Andacht zum Sonntag Reminiszere

von Pfarrerin Ulla Steinmann

Wohlan, ich will von meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg. Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe. Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte; aber er brachte schlechte. Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalem und ihr Männer Judas, zwischen mir und meinem Weinberg! Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte?

Jesaja 5, 1– 4 (5–7)

Die Passionszeit lädt uns ein, dass wir über unser Leben nachdenken, ebenso über unsere Beziehung zu Gott und unsere Mitmenschen. Der heutige Sonntag Reminiscere erinnert an die Barmherzigkeit Gottes. Wie passt dies zu den Worten des Jesaja?
Jesaja schreibt ein Lied über verschmähte Liebe: Gott liebt sein Volk, er tut alles für sie, aber das Volk liebt Gott nicht. Es hört nicht auf seine Worte. Es tut, was es will. Es bringt keine guten Früchte hervor.

Statt dass Recht gesprochen wird, wird das Recht gebrochen. Statt dass Gerechtigkeit herrscht, schreit das Unrecht zum Himmel. Alle Beziehungen sind gestört, sowohl die Beziehung von Mensch zu Gott wie auch die Beziehungen der Menschen untereinander. Die Liebesbeziehung von Gott zu seinem Volk ist zerbrochen. Aus Liebe wird Enttäuschung, die Enttäuschung zieht Gewalt und Hass nach sich. Im Bild gesprochen: Der Weinberg wird zerstört. Die Mauern werden eingerissen, alles wird verwüstet und zertreten. Für das Volk Israel bedeutet dies, dass ihr Land erobert wird, der Tempel zerstört und sie weggeführt werden ins Exil. Das ist schon lange her, über zweieinhalb Jahrtausende.

Dennoch hören wir heute wieder diese Worte des Jesaja. Sie ermahnen uns. Für Gott ist es nicht gleichgültig, wie Menschen zusammenleben. Gott ist wichtig, dass Gerechtigkeit herrscht. Gott ist wichtig, dass wir Menschen auf sein Wort achten und danach auch handeln. Jesus drückt es aus in dem Doppelgebot der Liebe: „Du sollst Gott lieben und deinen Nächsten wie dich selbst!“ Gott möchte von uns Menschen geliebt und geehrt werden; und unsere Mitmenschen dürfen auch uns nicht egal sein.

Aber: Hören wir auf Gottes Wort und handeln danach? Oder sind wir uns selbst die Nächsten, die froh sind, wenn es uns gut geht, wenn wir alles haben, was wir brauchen und wollen? Gott ist Gerechtigkeit wichtig! Gerechtigkeit im eigenen Land, Gerechtigkeit aber auch weltweit. Es ist unsere christliche Aufgabe, dass wir uns dafür einsetzen und, dass wir den Mund auftun für die, die benachteiligt sind, ausgenutzt oder ungerecht behandelt werden. Der Einzelne kann wenig tun, er kann sich höchstens in seinem direkten Umfeld einbringen. Aber in der Gemeinschaft können wir stark sein und etwas bewegen. Mit vielen kleinen Schritten können wir gemeinsam das Gesicht der Welt verändern.

Nur wird es uns in der gegenwärtigen Zeit schwer gemacht. Die Begegnungen von Menschen sind begrenzt. Whatsapp und Internet sind für einige noch eine gute Möglichkeit, mit anderen Kontakt aufzunehmen – doch wie viele Menschen sind zur Zeit abgehängt, erhalten keinen Besuch, leben nur vor sich hin, warten auf bessere Zeiten! Ich fühle mich in dieser Zeit oft hilflos! Was kann ich tun? Wo kann ich helfen?
Was ist richtig oder falsch? Ist es wirklich Nächstenliebe, wenn Gottesdienste ausfallen, oder lasse ich damit nicht meine Nächsten im Stich, die gerade jetzt Mut machende Worte brauchen und Zeichen der Hoffnung?

Bei aller Unsicherheit über den richtigen Weg bleibt mir der Trost, dass Gott uns nicht fallen lässt. Im Gegensatz zu den Worten des Jesaja hat Gott ein Zeichen gesandt von seiner unverbrüchlichen Liebe zu uns Menschen: Jesus Christus. Im Evangelium zum heutigen Sonntag heißt es: „Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben!“

Ja, Gott möchte, dass wir ihn lieben und auf ihn hören. Gott verlangt auch, dass wir auf unsere Mitmenschen achten und nach ihnen sehen. Er will, dass Gerechtigkeit und Recht herrschen zwischen uns Menschen. Doch so sehr wir uns auch darum bemühen, werden wir Fehler begehen. Dann jedoch wird Gott barmherzig sein gegenüber uns. Er lässt uns nicht mehr fallen. Seine Liebe bleibt uns erhalten, das ist die Botschaft des heutigen Sonntags.

Ulla Steinmann wohnt in Konken und ist Pfarrerin im Kirchenbezirk Kusel.

Gebet

Dank sei dir, Gott, für deine Liebe und Treue. Dank sei dir für deine große Barmherzigkeit. Hilf uns, daraus zu leben und zu handeln. Lass uns deinem Vorbild folgen, Menschen zu lieben und für sie da zu sein. Lass uns barmherzig sein wie du barmherzig bist. Amen.