Seitenkopf Kirchenbote

|   Reportagen und Themen

Einlasskontrolle vor der Trauerhalle

Wie die Corona-Pandemie die Arbeit von Bestattern verändert – Eine Familie berichtet aus ihrem Alltag

Die Zahl der Neuinfektionen mit dem Coronavirus geht in Deutschland seit einigen Tagen zurück. Doch nach wie vor sterben täglich etliche Menschen. Besonders hoch war die Zahl um den Jahreswechsel herum. Belastend ist dies nicht nur für Angehörige, sondern auch für all jene, die täglich mit dem Tod zu tun haben. Dazu zählen unter anderem die Bestatter.

Im Kundenraum von Wächter Bestattungen in Limburgerhof trennt eine große Plexiglasscheibe den Besprechungstisch. Wo normalerweise bis zu sechs Menschen bei einem Trauergespräch sitzen, dürfen jetzt maximal zwei Angehörige Platz nehmen, schildert Bestatter Michael Scherer. Wenn sie denn überhaupt kommen. Etliche Leute trauten sich wegen Corona gar nicht mehr aus dem Haus, telefonierten lieber nur mit den Bestattern. „Das sind dann natürlich längere Telefonate“, sagt Ehefrau Dagmar Scherer. So könne es durchaus auch mal sein, dass zwei Leitungen oder – mit Sohn Ferdinand noch am Handy – alle Leitungen besetzt sind. Dabei sei doch gerade der persönliche Kontakt bei Sterbefällen so wichtig, betont Dagmar Scherer.

Die Pandemie hat ihr Arbeiten verändert. Zwar hat Ferdinand Scherer, der gerade die Bestatter-Meisterschule besucht, den gesamten Maßnahmenkatalog zu Infektionskrankheiten wie etwa Hepatitis schon in der Ausbildung zur Bestattungsfachkraft gelernt. Und auch Betriebswirt Michael Scherer und seine Frau haben sich längst für ihre Arbeit „alles zum Thema draufgeschaufelt“. Auf das Ausmaß der Corona-Pandemie jetzt sei aber niemand vorbereitet gewesen, so die beiden.

„Bei einem Covid-Fall im häuslichen Umfeld sind wir verpflichtet, im Vollschutz aufzutauchen“, sagt Michael Scherer. Nur die Augen schauen dann noch heraus aus dem Overall. „Das erschreckt die Angehörigen.“ Scherer und sein Sohn bedecken das Gesicht des Covid-Kranken mit einem gesichtsdesinfizierenden Lappen, legen den Toten in einen Plastiksack und anschließend erst in den Sarg. Das ist für die Angehörigen kein angenehmer Anblick. „Wir raten deshalb den Angehörigen, sich von dem Toten zu verabschieden, bevor wir kommen.“ Ein erneutes Aufbahren in der Trauerhalle ist nicht zulässig, ebenso wenig Fingerabdrücke des Toten zu nehmen oder Haarsträhnen zu behalten, wie es manche Angehörige tun.

Nicht immer werden Michael Scherer und sein Sohn, wenn sie in Krankenhäuser oder Altenheime kommen, im Vorfeld zur Todesursache informiert. Im Zweifel gilt der Schutz sich selbst und den Angehörigen, denen sie im Trauergespräch zum nächsten Todesfall ja wieder gegenübersitzen. „Im Auto haben wir immer eine Schutzausrüstung dabei“, sagt Scherer. Mit Handcreme pflegt Scherer die vom vielen Waschen beanspruchten Hände. Verkompliziert hat sich durch die telefonische Terminvergabe auch die gesamte Bürokratie. Statt einmal fährt Scherer jetzt meistens zweimal zum Standesamt.

Erdwurf mit der Schaufel ist untersagt

Dass manche Friedhöfe wie zuletzt in Speyer die Bestattungszahl pro Woche erhöht haben, liege vor allem daran, dass Erdbestattungen anders als Urnenbeisetzungen spätestens nach zehn Tagen erfolgen müssen, sagt Michael Scherer. Wer als Angehöriger zwischenzeitlich selbst in Quarantäne muss, würde so ohne Negativtest die Beerdigung verpassen. Eine Verschiebung der Trauerfeier auf einen späteren Zeitraum, wie es Angehörige bei dem Limburgerhofer Bestatter schon gewünscht haben, ist nur bei Feuerbestattungen möglich.

Auf die Bestatter kommt bei den Trauerfeiern auf den Friedhöfen außerdem eine unangenehme Aufgabe zu. Statt 110 Gäste dürfen derzeit nur 36 Menschen in die Trauerhalle Limburgerhof, in Neuhofen sind es wegen der Raumgröße nur zehn. Hineindürfen nur geladene Gäste. „Ich steh’ dann da mit einer Liste in der Hand und muss der Nachbarin erklären, dass sie draußen bleiben muss“, sagt Scherer. „Wir sind als Bestatter dann der Buhmann.“ Dabei wolle man den Tag doch für alle möglichst entgegenkommend gestalten. Doch das ist manchmal schwer, wenn wegen Infektionsgefahr nicht einmal der Erdwurf mit Schäufelchen oder das Streuen von Rosen auf Sarg oder Urne erlaubt ist. Florian Riesterer

Physische und psychische Belastung

Mehr Arbeit als sonst haben Friedhofsmitarbeiter. Um das 1,5-fache höher als im Jahr zuvor lag die Totenzahl im Dezember 2020 in Ludwigshafen. Im November und Dezember musste das Krematorium Ludwigshafen die doppelte Zahl Urnen bewältigen wie in Vorjahren, sagt Gabriele Bindert, Leiterin des Bereichs Grünflächen und Friedhöfe. Schuld war auch ein defekter Ofen im Krematorium Heidelberg.

Dazu kommt das Zwischenlagern der Särge, das Ausheben der Löcher, das Wiederverschließen der Gräber. Bindert hat im Team gefragt, wer aus dem Bereich Grünflächen sich vorstellen könnte, den Kollegen auf dem Friedhof unter die Arme zu greifen. „Ich bin dankbar, dass sich einige bereit erklärt haben.“ Schließlich sei es eine physische wie auch psychische Belastung. Um sich ein Bild davon zu machen, hat Bindert Bereitschaftsdienst gemacht. Sie fuhr im Vollschutz in Altenheime, um die Toten abzuholen. „Wir versuchen mit Supervision uns selbst zu schützen“, sagt die Bereichsleiterin.

Pfarrer spüren, wie der Tod in diesen Zeiten den Angehörigen besonders zu schaffen macht; wenn nicht einmal alle, die möchten, bei der Beerdigung dabei sein können. „Das kommt in vielen Gesprächen zum Tragen“, sagt der Speyerer Dekan Markus Jäckle. Zwar hätten die Kommunen seit dem ersten Lockdown inzwischen klarere Regeln für Trauerfeiern. „Der Schmerz aber bleibt.“ An der Corona-Situation etwas ändern könne er nicht. Dafür biete er Gespräche an mit Maske oder, falls gewüscht, per Video, sagt Jäckle.

Trauergruppen, in denen sich Hinterbliebene ihren Schmerz von der Seele reden können, haben es sehr schwer. „Hier sind nur Mails oder Videokonferenzen möglich, die Gruppen können sich nicht treffen“, sagt Susanne Burgdörfer, Leiterin der evangelischen Familienbildungsstätte Haus der Familie in Landau. Doch für Menschen, die neu in solche Gruppen kommen wollten, sei das persönliche Treffen zu Beginn durch nichts zu ersetzen. flor

Zurück
Belastend nicht nur für die Angehörigen der Toten: Die Corona-Pandemie rückt das Sterben in den Fokus. Foto: epd
Belastend nicht nur für die Angehörigen der Toten: Die Corona-Pandemie rückt das Sterben in den Fokus. Foto: epd
Engelfigur auf dem Friedhof Speyer: Im Dezember starben in der Stadt doppelt so viele Menschen wie sonst. Foto: Landry
Engelfigur auf dem Friedhof Speyer: Im Dezember starben in der Stadt doppelt so viele Menschen wie sonst. Foto: Landry

KIRCHENBOTE aktuell

Versöhnung als christliches Grundthema

Bedeutung des Religionsunterrichts angesichts vieler Krisen gestiegen – Klimawandel deprimiert Kinder

> KIRCHENBOTE aktuell

Abo-Service

Haben Ihnen unsere Leseproben gefallen? Dann abonnieren Sie doch den Evangelischen Kirchenboten! Es gibt ihn auch als digitale Ausgabe. Ihr bestehendes Abonnement können Sie hier kündigen.

Newsletter

Ab sofort können Sie unseren wöchentlich erscheinenden Infobrief abonnieren. Auf der Seite "Newsletter abonnieren" im Menü Service können Sie Ihre Bestellung übermitteln.

Buchtipp

Deutsche Bibeln

Vor und nach Martin Luther
von Michael Landgraf

Verlagshaus Speyer GmbH, 17 x 24 cm, 160 Seiten, Festeinband, 19.90 Euro