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|   Leitartikel

Eine Weltreise von Bern nach Katar

von Hartmut Metzger

Wer in diesen Tagen am Thunersee den malerischen Strandweg zwischen Spiez und Faulensee beschreitet, denkt unweigerlich an das Gezänk um die Fußball-Weltmeisterschaft in Katar. Dort, wo 1954 Sepp Herberger und Fritz Walter auf ihren Spaziergängen über die Aufstellung und Taktik der deutschen Mannschaft sprachen, stehen noch heute lebensgroß und in Holz geschnitzt die „Helden von Bern“. Der Titelgewinn, neun Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, löste einen Freudentaumel aus und schuf Selbstbewusstsein in dem damals noch jungen westdeutschen Staat.

Die Schweiz hatte sich als Ausrichter der WM beim ersten Fifa-Nachkriegskongress 1946 in Luxemburg beworben, wurde aber aufgrund der Größe des Landes und der Stadien mit Skepsis betrachtet. In der Waagschale lagen schließlich die Verdienste der neutralen Schweiz im Krieg sowie ihre ­Rolle im Weltfußball – als Hauptsitz der Fifa. Über die WM-Vergabe an Katar entschieden die 24 Mitglieder des Fifa-Exekutivkomitees, und die Korruptionsvorwürfe sind Legende – bis hin zu zwei unverzollten Rolex-Uhren in Herrn Rummenigges Reisegepäck.

Eine Weltreise liegt zwischen Bern und Katar – zeitlich. Vieles ist sehr zweifelhaft, aber nicht alles ist schlechter als damals bei uns. Deutschland war 1954 von Krieg und Diktatur gezeichnet, ein Entwicklungsland in Demokratie und Emanzipation. Homosexualität stand unter Strafe, es gab ein „Lehrerinnenzölibat“, und Männer konnten die Arbeit ihrer Frauen bestimmen. Die Vergabe der WM war eine geschmierte Komödie, und der Wüstenstaat ist keine Demokratie. Aber das Gezänk um Katar erscheint am Ufer zwischen Spiez und Faulensee als ein Wohlstandsproblem der typisch deutschen Art.

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Hartmut Metzger
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