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Ein starkes Netz der Freundschaft fängt Männer auf

Referent der Landeskirche kümmert sich um eine eigentlich kirchenferne Personengruppe – Angebote in der Corona-Krise mehr nachgefragt

„Mann“ hat es nicht immer leicht in der Kirche. Wenn es um ihre Probleme, ihre Gefühle geht, werden Männer häufig stiefmütterlich behandelt. Auch unter vielen Christinnen und Christen herrscht noch immer das traditionelle Bild vom „starken“ Mann, dem Familienoberhaupt, der stets alles im Griff zu haben hat. Emotionen zeigen, gar Schwäche oder auch nur eigene Wünsche ausleben? Das ist oft: Pustekuchen!

Zwei Drittel aller Männer fühlen sich nicht in der Kirche zu Hause, berichtet Gerd Humbert, der Männerreferent der Evangelischen Arbeitsstelle Kirche und Gesellschaft in Kaiserslautern. Sie stehen ihr fern oder sind längst ausgetreten. Um sie muss sich die Kirche insgesamt deutlich mehr bemühen, fordert der Gemeindediakon aus Speyer. Seit Jahrzehnten hat der 59-Jährige die Männerarbeit in der pfälzischen Landeskirche maßgeblich mitaufgebaut. Heute gibt es das Netzwerk „Männernetz Pfalz“, das mit seinen zahlreichen Angeboten über die Pfalz und Saarpfalz hinaus mit der evangelischen und katholischen Männerarbeit in Baden eng verbunden ist.

Alle Männergruppen haben eine Warteliste

Männer links und rechts des Rheins aus verschiedenen Altersgruppen treffen sich zu spirituellen Angeboten, gestalten ihre Freizeit gemeinsam und tauschen sich aus: über ihre Familien, Partnerschaften, Jobs und Interessen. Alle zehn regionalen Gruppen vom „Männernetz Pfalz“ mit insgesamt rund 150 Teilnehmern verfügen über Wartelisten. Da in der Corona-Krise physische Treffen unmöglich sind, kommunizieren die Gruppen über das Internet.

Zusätzlich hat sich Anfang April eine offene Online-Männergruppe gegründet: Teilnehmer aus der Rhein-Neckar-Region wollten sich gegenseitig Halt geben, sagt Humbert, der gemeinsam mit Pfarrer Willi Kwade aus Weingarten bei Germersheim dazu einlädt. 14 Männer waren bei dem ersten Gespräch über Videotelefonie mit dabei. Immer dienstags um 20 Uhr wollen die Teilnehmer darüber sprechen, was sie in den unsicheren Zeiten der Pandemie bewegt. „Es tut einfach gut, reden zu können“, sagt Humbert. Ein Mann habe als Risikopatient über seine Ängste vor dem Virus gesprochen, andere äußerten Befürchtungen, ihren Job im Zug der Krise zu verlieren.

Die Männerarbeit in der Region floriert, sagt Humbert. Gesprächsgruppen, in denen der „Redestab“ von Mann zu Mann weitergereicht wird, das Männerkino mit Wintergrillen und natürlich gemeinsame Nächte in der „Schwitzhütte“ im Wald: Das sind Angebote, die innerkirchlich aber noch immer für hämische Kommentare sorgten, klagt der frühere Gleichstellungsbeauftragte der Landeskirche.

Aber der Erfolg gibt ihm recht: Die Teilnehmer empfänden die Angebote der Männerarbeit als eine Kraftquelle. Fast alle Seminare und Aktivitäten würden gut angenommen oder seien gar ausgebucht. Der Beratungsbedarf von Männern wachse an, der Druck in Job und Familie nehme gerade auch auf jüngere Männer zu, sagt Humbert. Deshalb plant er weitere Männergruppen, dafür sollen ehrenamtliche Leiter ausgebildet werden. Untergegangen ist nur Humberts Idee, für seine Männer ein altes Rheinschiff als Treffpunkt zu kaufen und zu restaurieren: Es war einfach zu teuer.

Drei Gründe führt Humbert an, die besonders Männer im mittleren Alter zur kirchlichen Männerarbeit führt: Sie seien gesundheitlich angeschlagen, litten unter Stress oder hätten Beziehungsprobleme. „Sie merken: ‚Es wird eng, ich muss etwas machen‘“, sagt Humbert. In den Gesprächen entstünden viele gute Freundschaften – ein „Schneeballeffekt“ der Männerarbeit.

Auch Kirchengemeinden sollten in der Corona-Krise über das Internet mit ihren Mitgliedern kommunizieren, sagt Humbert. Manche Menschen fühlten sich momentan von ihrer Kirche alleingelassen. „Nur Glockenläuten und Gebete sind zu wenig“, sagt er. Über Online-Gespräche könnten die Gläubigen in Kontakt bleiben – vor allem für Ältere wäre das wichtig. Damit Senioren nicht vom Leben abgehängt werden, könnten Gemeindemitglieder ihnen den Umgang mit Computern erklären, schlägt er vor. Helfen könnte da gut: ein „starker“ Mann. Alexander Lang