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Ein offenes Geheimnis

Andacht zum 2. Sonntag nach Epiphanias

von Pfarrer Martin Christoph Palm

Auch ich, meine Brüder und Schwestern, als ich zu euch kam, kam ich nicht mit hohen Worten oder hoher Weisheit, euch das Geheimnis Gottes zu predigen. Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, den Gekreuzigten. Und ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und mit großem Zittern; und mein Wort und meine Predigt geschahen nicht mit überredenden Worten der Weisheit, sondern im Erweis des Geistes und der Kraft, auf dass euer Glaube nicht stehe auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft.

1. Korinther 2, 1–6 (7–10)

Fast hätte ich einmal einen Gottesdienst vergessen! Nur der Anruf der Kirchendienerin, die vergeblich darauf gewartet hatte, dass ich ihr die Lieder durchgebe, hat mich gerettet. Kaum zwei Stunden blieben mir zur Vorbereitung. Hektisch durchforstete ich meine alten Predigten, ob ich schon einmal über den Text etwas geschrieben hatte – ich hatte nicht. In Windeseile zimmerte ich etwas aus verschiedenen Kommentaren zusammen und trat dann zerknirscht vor die Gemeinde. Selbst in der Erinnerung, die ja bekanntlich vieles vergoldet, war meine Predigt ein theologisches und homiletisches Desaster! Aber statt der erwarteten heftigen Kritik gab es nach dieser Predigt ungewöhnlich viele lobende Worte. An dem, was ich geschrieben oder gesagt hatte, hatte es nicht gelegen – da bin ich mir bis heute sicher.

„Meine Rede und meine Verkündigung sollten euch nicht durch ihre Weisheit überreden. Vielmehr sollte in ihnen Gottes Geist und Kraft zur Geltung kommen.“ – Der Apostel Paulus hat keine Ahnung, was einmal aus den Gemeinden werden würde, die er auf seinen Reisen gegründet hat. Er ahnt nichts von atemberaubend schönen Kathedralen und kühnen theologischen Gedankengebäuden, die in den fast 2000 Jahren der Geschichte des Christentums errichtet werden. Sicher ist ihm auch nicht bewusst, wie viele kluge Köpfe über seinen Texten brüten werden und zu verstehen versuchen, worauf er mit seinen komplizierten Sätzen hinauswill. Woche für Woche versuchen Menschen, für die Botschaft von der Liebe Gottes zu werben. Neuerdings auch mit pfiffigen Videogottesdiensten und Podcasts.

Viele raffinierte und bewunderte Predigten und Konzepte sagen mehr über die klugen Köpfe aus, die sie sich ausgedacht haben, als über die Botschaft, die sie transportieren sollen. Und seit es Predigten gibt, haben viele von ihnen zum Thema: Der oder die Predigende will klüger sein als die Hörer.

Paulus, der so klug und gewandt schreiben kann, wird in Korinth angegriffen und infrage gestellt. Dort sind gerade andere Marketingstrategen in Mode, die geschickt für das Evangelium werben. Mit der Botschaft vom gekreuzigten Christus und von den „Geheimnissen Gottes“ können sie gerade nicht viel anfangen. Und mit dem schwächlichen und kränklichen Paulus auch nicht. Die damaligen Superstars und Herrschenden sind längst vergessen. Kaum eine Zeile kennen wir von ihnen. Die Briefe und Gedanken des Apostels aber üben bis heute eine prägende Kraft auf den christlichen Glauben aus. Geht es Paulus am Ende gar nicht darum, menschliche Weisheit und Klugheit gegen Gottes Kraft und Gottes Geheimnis auszuspielen?

Vieles, was unser Leben angenehmer und die Beschwerden unseres Daseins erträglicher macht, verdanken wir menschlicher Klugheit und Weisheit. Letztes Jahr waren es kluge Wissenschaftler, die herausgefunden haben, wie die Menschheit diesem winzigen Virus mit Impfstoffen und einigen Verhaltensregeln beikommen könnte. Das könnte sogar funktionieren, wenn nicht ökonomische Interessen höher bewertet werden oder Neunmalkluge sich weiter mit Halbwissen profilieren.

Vielleicht gibt es für Paulus gar nicht zwei Weisheiten – die menschliche und die göttliche? Paulus zeigt uns vielmehr eine andere Weise, die Welt zu betrachten. Eine Sicht auf die Welt und unsere Mitgeschöpfe, die sich nicht von Oberflächlichkeiten ablenken lässt. Mithilfe von Gottes Geist können wir die Welt mit Gottes Augen ansehen. Diesen liebevollen Blick Gottes hat Paulus durch die Begegnung mit dem gekreuzigten und auferstandenen Christus selbst erlebt.

Der Gottesdienst, in dem ich fast ohne Vorbereitung auf die Kanzel steigen musste, hat bei mir immer wieder nachgewirkt. Vielleicht kann nur eine Predigt den Menschen berühren, die nicht den Eindruck erweckt, etwas verstanden zu haben von dem Geheimnis Gottes. Warum Gott seine Geschöpfe liebt, das ist und bleibt ein Geheimnis. Sein Geheimnis, das wir nicht auflösen können. Aber dass er uns liebt, das ist durch Jesus Christus ein offenes Geheimnis.

Martin Christoph Palm ist Pfarrer in Dackenheim und Freinsheim im Kirchenbezirk Bad Dürkheim-Grünstadt.

Gebet

Gott, du Geheimnis des Glaubens! Wir fragen und zweifeln, wir suchen und finden wieder. Manchmal verlieren wir dich ganz aus dem Blick. Lass uns etwas spüren von der Tiefe deiner Macht. Dass du uns liebst, das wissen wir durch Jesus Christus. Lass uns durchlässig werden für deine Liebe. Amen.

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Paulus zeigt uns: Mithilfe von Gottes Geist können wir die Welt mit Gottes Augen ansehen. Foto: pixabay
Paulus zeigt uns: Mithilfe von Gottes Geist können wir die Welt mit Gottes Augen ansehen. Foto: pixabay

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