Andacht

Ein Leben im Glauben

Andacht zum Sonntag Okuli

von Pfarrer Martin Anefeld

So ahmt nun Gott nach als geliebte Kinder und wandelt in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt hat und hat sich selbst für uns gegeben als Gabe und Opfer, Gott zu einem lieblichen Geruch. Denn ihr wart früher Finsternis; nun aber seid ihr Licht in dem Herrn. Wandelt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.

Epheser 5, 1–2 (3–7) 8–9

Ach, lieber Paulus! Wenn du wüsstest … Heute lässt sich niemand so gern ermahnen. Schon gar nicht vorschreiben, was er zu tun und zu lassen hat. Du müsstest das erleben, gerade jetzt in diesen Tagen, in dieser Corona-Krise. Die Freiheit muss verteidigt werden, sagen nicht wenige. Und jede Freiheitseinschränkung muss sorgfältig begründet werden, selbst wenn es um Leben und Tod geht. Autoritäten? Die werden nicht mehr respektiert, sondern als autoritär empfunden. Und ich befürchte, deine Worte wirken genau so: autoritär.

Denn sie sind hart. Von Unzucht, von Unreinheit, von Habgier soll nicht einmal die Rede bei uns sein. Auch schandbare und närrische oder lose Reden stünden uns nicht an. Und wer sich nicht dran hält, dem bleibt Gottes Reich verschlossen.

Das klingt moralinsauer, nach erhobenem Zeigefinger. Das scheint Drohbotschaft, keine Frohe Botschaft. Ihr werdet schon sehen, was ihr davon habt! Und wenn nicht hier auf dieser Welt, dann spätestens im Jenseits. Wo ist das Evangelium? Die gute Nachricht? Hör zu, Paulus, unsere Zeit hat sich befreit von strenger Moral und von manchem Druck, den du, Kind deiner Zeit, noch weitergegeben hast. Meinst du wirklich, dass wir uns unsere über Jahrhunderte erworbene Freiheit von dir einschränken lassen, die Freiheit, zu lieben, wen wir wollen, die Freiheit, zu sagen, was wir denken, die Freiheit, so viel Geld zu verdienen, wie wir können?

Ich gestehe dir zu, dass Freiheit nur Sinn hat, wenn es auch Grenzen gibt. Wir leben heute in einer großen Freiheit. Sie hat uns aus den Mauern der Begrenzungen herausgeführt auf ein freies Feld, wo man freier atmen kann, wo man sich aber gleichzeitig nach schützenden Mauern umschaut.

Da könntest du einhaken, wenn du von Unzucht und Unreinheit sprichst. Bei der Sehnsucht nach einem schützenden Raum, in dem Sicherheit und Verlässlichkeit zu finden sind, nach einer bergenden Hütte, die die Stürme abhält. Es gibt sie immer noch bei den Menschen, die Sehnsucht nach einem Leben, das von der Bereitschaft bestimmt ist, das Zusammenleben mit Partner, Familie und Freunden bewusst zu gestalten, Höhen und Tiefen gemeinsam zu tragen.

Ich sehe nun auch, dass deine Mahnung, sich nicht von Habgier bestimmen zu lassen, keine Miesmacherei von wirtschaftlichem Erfolg ist. Sie ist getragen von einem Bild von Leben, das nicht nur auf Besitz setzt. Sie lässt eine Stimme wach werden, die nach einem anderen Leben fragt, die Sehnsucht danach weckt, beachtet und geschätzt zu werden unabhängig davon, wie viel man besitzt. Die Sehnsucht weckt nach einem Leben, in dem die Lebensgüter gerecht verteilt sind, in dem die Bedürfnisse und nicht die Habgier die Verteilung bestimmen.

Schließlich: Du warnst vor närrischem, schandbarem Gerede, Paulus. Dabei konntest du gar nicht ahnen, was heute unter uns los ist, wie unglaublich aktuell und nötig deine Warnung ist. Du konntest doch gar nicht ahnen, in welchem Ausmaß wir heute übereinander herziehen, wie Anstand und Wahrheit mit Füßen getreten werden.

Dein Rat, Paulus, weckt die Sehnsucht in mir, einen Raum der Stille einzurichten, einen Raum, den ich freiräume von leerem Gerede, einen Raum, in dem ich für mich und die anderen dankbar sein kann, einen Raum, in dem ich ruhen und Kraft sammeln kann für mein Leben mit anderen.

Spüre nun, was hinter deinen Ermahnungen steht. Du hast das Bild von guter Gemeinschaft, von Verbindlichkeit und verantwortlicher Liebe im Kopf und im Herzen, ein Bild, das Christus dir eingepflanzt hat. Du glaubst an die Möglichkeit, dass gute Gemeinschaft gelingt. Denn du glaubst an den Gott, der mit seinem Sohn Jesus Christus die Liebe schon verwirklicht hat und uns verwandeln möchte: als geliebte Kinder zu Liebe lebenden Leuten. Von deinem Glauben möchte ich mich locken lassen zu einem Leben im Glauben an diesen Christus, ein Leben, in dem Freiheit gern die Grenze findet bei der Ver­antwortung für den anderen. Nichts scheint in diesen Tagen wichtiger.

Martin Anefeld ist seit 2008 Pfarrer in Nußdorf.

Gebet

Gott, du siehst uns gnädig an. Lass unsere Augen deinem Blick folgen. Gib uns Kraft und Mut, uns selbst und andere so zu sehen, wie du uns siehst. Amen.