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Ein Kämpfer ohne Waffen

Wie Mahatma Gandhi im Protestantismus gewürdigt wird – Ein Beitrag zum Tag der Gewaltlosigkeit

Die Vereinten Nationen haben im Jahr 2007 den Internationalen Tag der Gewaltlosigkeit ausgerufen. Damals erklärten die Mitgliedsländer, auf eine Kultur des Friedens, der Toleranz, der Verständigung und der Gewaltlosigkeit hinarbeiten zu wollen. Dass die UN-Vollversammlung den 2. Oktober dafür auswählte, lag daran, dass es sich dabei um den Geburtstag Mahatma Gandhis handelt.

Gleichsam als Motto für den seinerzeit neu proklamierten internationalen Aktionstag verweist die entsprechende UN-Internetseite auf Gandhis Worte: „Aktive Gewaltlosigkeit ist die größte Kraft, die der Menschheit zur Verfügung steht. Sie ist mächtiger als die mächtigste Vernichtungswaffe, die menschlicher Erfindergeist her­vor­ge­bracht hat.“ Gandhi hat tötende, zerstörerische Gewalt als Mittel der politischen Auseinandersetzung konsequent abgelehnt. Obwohl er als gewaltlos aktiver Befreier Indiens von der britischen Kolonialherrschaft weltweite Anerkennung fand, ist der an ihn erinnernde Gedenktag weit davon entfernt, die bei den Vereinten Nationen erhoffte Wirkung zu entfalten.

Auch im kirchlichen Bereich spielt der 2. Oktober als Internationaler Tag der Gewaltlosigkeit keine hervorgehobene Rolle. Dies mag damit zusammenhängen, dass der Hindu Gandhi (1869 bis 1948) seine hohe Wertschätzung für Jesus und die Bergpredigt regelmäßig mit der Kritik an den ihn umgebenden Erscheinungsformen des Christentums verband. So konnte er äußern: „Jesus nimmt in meinem Herzen den Platz eines großen Menschheitslehrers ein, die mein Leben beträchtlich beeinflusst haben … Wenn nur die Bergpredigt und meine eigene Auslegung davon vor mir läge, würde ich nicht zögern zu sagen: Ja, ich bin ein Christ. Aber ich weiß, dass ich mich in dem Augenblick, in dem ich so etwas sage, den gröbsten Missverständnissen aussetzen werde. Negativ kann ich euch sagen, dass meiner Meinung nach vieles, was als Christentum gilt, eine Verleugnung der Bergpredigt ist.“

Für den zeitgenössischen Protestantismus lässt sich rückblickend etwas beobachten: Gandhi würdigten nur die meistens vereinzelten Angehörigen jener kirchlichen Minderheit, die der Gewalt- und Kriegspolitik ihres Staats kritisch gegenüberstanden. In diesem Zusammenhang sind zu Beginn der 1930er Jahre in Deutschland die Religiösen Sozialisten zu nennen. Hier war es unter anderen der Pfälzer Pfarrer Oswald Damian, der Gandhi mit Jesus in Verbindung brachte: „Jesus war ein Kämpfer ohnegleichen und doch lag ihm jede Gewalttat gänzlich fern. Und ist der Inder Gandhi nicht ein Kämpfer wie nur wenige?“ Auch in der französischen Bewegung des „Christianisme social“ (Soziales Christentum) wurde Gandhi als Quelle der Inspiration wahrgenommen. In einem Gandhi gewidmeten Artikel der Verbandszeitung urteilte Pfarrer Laurent Goy 1932: „Lasst uns Indien dankbar sein für den Propheten, den es uns schenkt. Lasst uns dem Mahatma danken, der sicher viel christlicher ist, als er es selbst glaubt.“

Von 1928 bis 1930 korrespondierte der niederländische Ex-Pfarrer Bart de Ligt (1883 bis 1938) mit Gandhi über notwendige Aktivitäten zur Kriegsverhinderung. Nach eigenem Bekunden hatte er sich Gandhi zeitweise als „Christus der revolutionären Gewaltlosigkeit“ vorgestellt. Als aktives Mitglied des „Bundes der Christen-Sozialisten“ hatte de Ligt schon früh die Mitschuld seiner Kirche am Ersten Weltkrieg gegeißelt und auf dem Höhepunkt seiner Auseinandersetzungen mit Staat und Kirche 1916 die niederländisch reformierte Kirche verlassen.

Am 28. August 1934 hielt Dietrich Bonhoeffer auf der ökumenischen Jugendkonferenz in Fanö seine viel beachtete Rede mit dem Titel „Kirche und Völkerwelt“. Darin entfaltete er eindrücklich einen Gedanken: „Es gibt keinen Weg zum Frieden auf dem Weg der Sicherheit.“ Offenbar haben Gandhi und sein Salzmarsch bei Teilen von Bonhoeffers Vortrag Pate gestanden: „Wer von uns darf denn sagen, dass er wüsste, was es für die Welt bedeuten könnte, wenn ein Volk – statt mit der Waffe in der Hand – betend und wehrlos und darum gerade bewaffnet mit der allein guten Wehr und Waffe den Angreifer empfinge? … Müssen wir uns von den Heiden im Osten beschämen lassen?“

Erst 2018 wurde in Neu-Delhi ein bisher verschollener Brief Dietrich Bonhoeffers an Gandhi entdeckt. In dem Schreiben kontaktierte er ihn aus London und ließ Gandhi an seinen Sorgen teilhaben. Am 27. Oktober 1934 schrieb er: „Wenn uns nicht alle Zeichen täuschen, läuft alles auf einen Krieg in naher Zukunft hinaus.“ Der nächste Krieg werde gewiss den geistlichen Tod Europas zur Folge haben, erklärte Bonhoeffer. „Deshalb brauchen wir in unseren Ländern eine geistlich geprägte und lebendige christliche Friedensbewegung. Die westliche Christenheit muss aus der Bergpredigt neu geboren werden; das ist der entscheidende Grund dafür, dass ich Ihnen schreibe.“

Bonhoeffer formulierte schließlich die „große Bewunderung“, die er Gandhis „Eintreten für Frieden und Gewaltlosigkeit“ entgegenbringt. Zudem bat er darum, Gandhi in seinem Ashram in Indien besuchen zu dürfen. Trotz Gandhis Zustimmung ist es aufgrund der Situation in Deutschland zu diesem Besuch nicht mehr gekommen.

In den USA brachte Jahrzehnte später Martin Luther King seine Hochachtung für Gandhi zum Ausdruck. „Gandhi war der erste Mensch in der Geschichte, der Jesu Liebesethik über eine bloße Beziehung zwischen Einzelpersonen hinaushob und sie zu einer gewaltigen und wirksamen sozialen Macht in großem Maßstab steigerte“, erklärte der Pastor und Bürgerrechtler. Gandhis Vermächtnis blieb präsent im „Christentum in Aktion“, mit dem King gewaltlos Bürgerrechte für Schwarze durchsetzte und die Vietnamkriegspolitik der Regierung bekämpfte.

In einem Beitrag für die von ihm gegründete Zeitschrift „Harijan“ hatte Gandhi 1939 Martin Niemöller, damals „persönlicher Gefangener des Führers“, gewürdigt. Gandhi drückte seinen Respekt für das gläubige, gewaltlose Standhalten des Pastors aus. Niemöller seinerseits notierte 1953 nach einer Konferenz in Indien: „Wenn Gandhi ,non-violence‘ (Gewaltlosigkeit) sagt, dann meint er genau dasselbe, was der Apostel (Paulus) meint, wenn er schreibt: Lass dich nicht (durch) das Böse überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem! So ist denn mein tiefster und nachhaltigster Eindruck, den ich in Indien empfangen habe, der, dass Gott durch Gandhi die Christenheit zur Buße ruft und uns die Frage vorlegt, ob wir eigentlich nur ,Herr, Herr!‘ sagen oder ihm wirklich folgen und gehorchen wollen.“ Friedhelm Schneider

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Gewaltloser Widerstand als Vermächtnis: Gandhi-Statue vor dem Genfer Sitz der Vereinten Nationen.	Foto: Schneider
Gewaltloser Widerstand als Vermächtnis: Gandhi-Statue vor dem Genfer Sitz der Vereinten Nationen. Foto: Schneider

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