Glosse

Dieses Kribbeln im Bauch

von Jochen Krümpelmann

„Dieses Kribbeln im Bauch, das man nie mehr vergisst, wie wenn man zuviel Brausestäbchen isst…“, so beginnt der Refrain eines Songs von Pe Werner aus den 1980er-Jahren. Diese Kribbeln im Bauch verspüre ich auch – endlich wieder.

Nicht was Sie jetzt denken, nicht mein zweiter oder dritter Frühling. Sondern irgendwie diese Spannung, was gerade alles wieder möglich wird. Bei schönem Wetter gemütlich im Biergarten oder vor der Weinstube sitzen. Essen gehen in Restaurants oder einfach verreisen. Draußen Tennis spielen oder anderen Sport treiben. Oder ganz einfach wieder Einkaufen gehen in allen Geschäften vor Ort. Vieles davon ohne Test und nur manches mit Maske. Kleine Freiheiten, die vielerorts seit November vergangenen Jahres nicht mehr möglich waren.

Das alles ist ungewohnt, fast schon neu. Ein zurückgewonnenes Stückchen Normalität, das uns mit Hoffnung auf mehr davon in den nächsten Wochen erfüllt. Es ist eine lang verloren geglaubte Lebensfreude spürbar bei den Menschen, denen man in den wieder volleren Innenstädten begegnet. Man erkennt es an dem Lächeln, mit dem man einander begegnet, an den vielen kurzen Gesprächen, die man mit lange nicht gesehenen Freunden führt, wenn man sich beim Einkaufsbummel zufällig trifft.

Doch die neue Normalität birgt auch eine Gefahr: Denn trotz Frühlingsgefühlen und wiederentdeckter Freiheiten sollten wir nicht vergessen, dass die Pandemie noch nicht vorbei ist. In Speyer beispielsweise zeigt sich das bereits an den Inzidenzwerten: Nachdem sie bis unter 30 gesunken waren, kratzen die Werte der letzten Tage aktuell wieder an der 50. Der Saarbrücker Pharmazie-Professor Thorsten Lehr hat es in einem Spiegel-Interview auf den Punkt gebracht: „Was wir nicht vergessen dürfen, ist, dass jetzt und in der Vergangenheit ‚erlaubt‘ immer mit ‚sicher‘ gleichgesetzt wurde. Das ist aber nicht so.“ Anders ausgedrückt: Auch wenn wir jetzt wieder viel dürfen, sollten wir weiter vorsichtig bleiben.