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Die Welt der Heiligen Schrift auf Deutsch

Eine Einführung in Michael Landgrafs Buch über die Bibeln vor und nach Luther – von Klaus Bümlein

Fast 500 Jahre nach dem Erscheinen von Luthers erster Übersetzung des Neuen Testaments im September 1522 kommt Landgrafs Erkundungs- und Entdeckungsreise in die Welt der deutschen Bibeln gerade recht. Dieses neue Werk breitet eine Vielzahl von auch überraschenden Erkenntnissen aus. Ich will einige dieser sympathischen Funde hier aufgreifen.

1. Für viele galt Luther als der erste wichtige Übersetzer der gesamten Bibel. Landgraf aber zeigt auf, wie viele gedruckte Bibeln (zu schweigen von deutschen Bibelhandschriften) Luthers Übersetzungswerk vorausgingen. Bald nach Gutenbergs revolutionärer Drucktechnik begann Mentelin in Straßburg 1466 eine Gesamtbibel in deutscher Sprache zu drucken. Ein monumentales Buch, die Seite fast 40 auf 30 Zentimeter groß, mit 61 Zeilen. Landgraf widmet diesen Bibelwerken liebevolle Aufmerksamkeit. Mentelin blieb nicht allein. Ich weiß noch, wie ich fast betroffen ein Bruchstück der Nürnberger Sensenschmidt-Bibel von 1476/78 in die Hände bekam. Insgesamt 14 oberdeutsche Bibeln, dazu vier niederdeutsche Drucke gingen Luther voraus. Erschienen in Straßburg, Augsburg, Nürnberg, Köln, Lübeck und 1522 zuletzt in Halberstadt. Schon 1475 ließ Zainer in Augsburg in seine Bibel Holzschnitte einfügen. So wurden sehr früh Text und Bild zueinander gebracht. In den frühen Holzschnitten lässt sich das tägliche Leben, aber auch die Realität von Krieg und Gewalt erschließen. Darüber hinaus bieten sie eine Fülle theologischer Inhalte und Hinweise, etwa über den inneren Zusammenhang der beiden Testamente. Manches sprachlich sehr fremd. Beim Beginn des Vaterunser aber erstaunlich nah: „Vatter unser du do bist in den himeln, geheiligt wird dein nam, zuo kum dein reich, din will der wird, als im himmel und in der erd“.

2. Die Vielfalt und Schönheit der frühen Bibeln setzen Luthers Leistung keineswegs herab. Er übersetzte nicht aus der verbreiteten lateinischen Bibel, wie alle vor ihm. Luther wagte sich an den hebräischen und griechischen Urtext. Beim ersten Neuen Testament zunächst weithin auf sich gestellt, später in einem Arbeitsteam mit Melanchthon und anderen. Der Reformator war überzeugt, in der Heiligen Schrift das grundlegende Evangelium für die Menschen zu finden. Dieses Verständnis brachte Luther in den Vorreden zu den einzelnen Schriften zum Ausdruck, aber auch in seinen Anmerkungen, den Randglossen zu einzelnen Stellen. So beginnt er seine Vorrede zum wahrhaft anspruchsvollen Paulus-Brief an die Römer mit dem ermunternden Satz: „Diese Epistel ist das rechte Hauptstück des Neuen Testaments und das allerlauterste Evangelium“. Bei seiner Arbeit behielt Luther auch, neben der Treue zum Urtext, „die Verständlichkeit und die Ästhetik gleichermaßen im Blick“, wie Landgraf hervorhebt. Es ging ihm also nicht zuerst um eine gelehrte philologische Arbeit: „man muss die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gasse und den gemeinen Mann auf dem Markt fragen und denen auf das Maul sehen, wie sie reden“. (Sendbrief vom Dolmetschen). So spiegeln die frühen lutherischen Bibeln, vom Neuen Testament bis zur letzten Gesamtbibel zu Luthers Lebzeiten von 1545, ein immer neues Ringen um Wortsinn und Verständnis, sie sind zugleich drucktechnisch und künstlerisch imponierende Werke. Kein Wunder, dass diese Bibelausgaben enorm erfolgreich waren: zehn Vollbibeln und 80 Teilbibeldrucke erschienen in Wittenberg bis zu Luthers Tod, nicht gerechnet die vielen Nachdrucke andernorts.

3. Bei allem Respekt vor Luther würdigt Landgraf auch die anderen Übersetzer der Zeit: die Zürcher Übersetzung seit 1524, unter dem starken Einfluss von Huldrych Zwingli. Die Prophetenübersetzung der verfolgten Täufertheologen Ludwig Hätzer und Johannes Denk erschienen schon 1527 in Worms, bevor Luther seine Prophetenübersetzung vollendet hatte. Nicht zu vergessen die Katholiken Hieronymus Emser, Johannes Eck und der Dominikaner Johann Dietenberger. Dietenbergers deutsche Bibel erschien sogar einige Monate vor Luthers Gesamtbibel in Wittenberg. Diese katholische Bibel wurde bis 1776 in 58 Auflagen gedruckt. Sie fand also Leser, auch als im Messgottesdienst die lateinische Sprache verpflichtend eingeführt war. Landgraf lehrt uns also, das Lutherische Bibelwerk zusammenzusehen und zu vergleichen mit der Arbeit anderer und auch gegensätzlicher Übersetzer.

4. Uns Pfälzer kann es freuen, dass auch Städte in unserer Nähe bei den frühen deutschen Bibelausgaben eine rühmliche Rolle spielen. In Speyer erschien zwar vor 1500 keine deutsche Gesamtbibel. Doch der Speyerer Domvikar Jakob Beringer ließ 1526 eine Evangelienharmonie in Straßburg herstellen, die stark an Luthers Übersetzung angelehnt war. Nicht weniger als 65 ganzseitige Holzschnitte waren seinem Werk eingefügt. Von der Prophetenübersetzung in Worms 1527 sprach ich schon. Seit 1579 erschien in Neustadt bei Matthäus Harnisch eine Bibel, die zwar Luthers Text abdruckte, aber auf Luthers Einführungen und Anmerkungen verzichtete. Zum ersten Mal enthielt diese Bibel auch eine durchgehende Verszählung der einzelnen Kapitel. Strenge Lutheraner wie der Tübinger Jakob Andreä kritisierten diese Bibel als „Erzbubenstück“ und „calvinistische verdammte Ketzerei“. So geriet die reformatorische Bibelübersetzung in den Strudel der konfessionellen Konflikte, nicht nur zwischen Katholiken und Evangelischen, sondern auch zwischen Lutherischen und Reformierten.

5. Der Siegeszug der lutherischen Bibeln hatte auch zu tun mit Luthers positiver Einstellung gegenüber bildlichen Darstellungen. Um den Bilderstürmern in Wittenberg zu wehren, hatte er 1522 den Schutz der Wartburg verlassen. Seine frühen Ausgaben des Neuen Testaments enthielten bereits große Holzschnitt-Initialen, die Evangelisten und Apostel darstellten, dazu zur Offenbarung des Johannes nicht weniger als 21 große Holzschnitte von Lukas Cranach. Die zehn Wittenberger Gesamtbibeln waren auch ein reiches Bilderwerk aus der Werkstatt von Lukas Cranach. Die Reformierten blieben gegenüber Bildern und Illustrationen zurückhaltender, obwohl die grandiose Zürcher Bibel von Froschauer ein durchaus großzügiges Bildprogramm enthielt. Andere führende Künstler wie Virgil Solis, Jost Ammann und Matthäus Merian erweiterten das Bilderprogramm auch in den Evangelien. Gerade Merians Bilder überwanden konfessionelle Schranken, sie wurden auch in katholischen Bibeln abgedruckt. Die Gestaltung von Künstlerbibeln reicht bis in die Gegenwart. Landgraf erinnert an die nazarenische Bibel Julius Schnorr von Carolsfelds mit ihren 240 Holzschnitten, an Gustave Doré (1832-1883) und an Bibeln des 20.Jahrhunderts, die von Künstlern wie Marc Chagall und Salvador Dali, Friedrich Hundertwasser und Andreas Felger illustriert wurden.

6. Erfreulich großen Raum widmet Landgraf auch den Bibeln für Kinder. Ist die Bibel nicht vor allem ein Buch für Erwachsene? Und doch erinnern sich viele intensiv an ihre Kinder- oder Schulbibel. Für viele meines Alters bleibt „Das Schild des Glaubens“ mit den Bildern von Paula Jordan lebendig. Schon Luther setzte sich für Schulen ein, um Jungen wie Mädchen das Lesen zu lernen und sie auch zu einem eigenen Umgang mit dem Buch des Lebens hinzuführen. So entwickelten sich schon in der Reformation handliche Bilderbibeln für pädagogische Zwecke. Landgraf erinnert etwa an die „Biblischen Historien“ 1533 in Frankfurt und an die „Straßburger Leienbibel“ von Wenzel Rihel von 1540. An interessanten Beispielen verfolgt Landgraf die Entwicklung von Kinderbibeln bis in die Gegenwart. Er stellt „Bilderbibeln zum Vorlesen“ für Kinder bis fünf Jahren vor, aber auch Erzählbibeln mit Erklärungen für ältere Kinder.

7. Ich will den Reichtum des Buches nicht im Detail weiter vorstellen. Landgraf informiert über viele Fragen der Bibelherstellung: das Papiermaterial, Buchlettern und Druckerpressen, Einbände. Ein kleiner wichtiger Abschnitt ist jüdischen Bibeln in deutscher Sprache gewidmet. Landgraf geht dem Bemühen nach, das zu Luthers Zeiten teure Bibelwerk erschwinglich zu machen. Die Kosten für eine Lutherbibel lagen etwa bei vollen sechs Wochenlöhnen eines ordentlich verdienenden Handwerkers. Durch die Cansteinsche Bibelanstalt und die modernen Bibelgesellschaften konnten Bibeln für alle angeboten werden. Viele kommentierte Bibelwerke kommen in den Blick, Versuche, den Bibeltext mit ausführlichen Wort- und Sacherklärungen verständlicher zu machen. Vor allem zeigt Landgraf die Versuche auf, Luthers Werk der erheblichen Sprachveränderung seit dem 16. Jahrhundert durch Text-Revisionen anzupassen. Wer daheim ältere Bibeln aufbewahrt, kann etwa die Revision von 1912 und dann von 1956/1964 finden. Die letzte Revision wurde 2017 vorgelegt. Dazu fanden immer neue Übersetzungsversuche nach Luther Verbreitung. Landgraf: „Rund 35 deutsche Bibelübersetzungen gibt es derzeit auf dem Markt.“ Zu alledem bietet Landgraf wichtige Literatur zur Geschichte der Bibel, ein hilfreiches Glossar zur Buchdruckerkunst und einen Überblick über Bibelzentren und Bibelmuseen in Deutschland, von Schleswig bis Meersburg.

Auch die Heilige Schrift ist in ihrem Ernst und ihrem Humor, ihren Rufen zur Umkehr wie zur Freude, ihrer wohltuenden Klarheit, ihren Rätseln und ihren Geheimnissen ein unerschöpfliches Buch. Weltkulturerbe, mit dem auch Christen nie fertig werden. Landgraf übersichtliches Werk voll genauer Informationen und anschaulicher Illustration macht Mut und Lust, die Bibel weiter zu erkunden. Immer neu wird es darum gehen, in diesem Buch von Menschen Gottes Wort für uns zu entdecken. Am Schluss von Beringers Neuem Testament 1527 steht das Gebet: „O Jesu, unser aller Gott und Herr, hilf auch darzu, dass dein Wort pur, rein vorgetragen wird, wie du es befohlen hast.“

Klaus Bümlein war von 1991 bis 2005 Oberkirchenrat der pfälzischen Landeskirche. Diesen Vortrag hielt er bei der Vorstellung des Buches „Deutsche Bibeln vor und nach Martin Luther“ von Michael Landgraf am 14. Juli 2022 in der Gedächtniskirche Speyer.

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Machen Lust auf die Bibel: Klaus Bümlein (rechts) und Michael Landgraf. Foto: Landry
Machen Lust auf die Bibel: Klaus Bümlein (rechts) und Michael Landgraf. Foto: Landry

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