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„Die Taliban-Herrschaft wirft uns 100 Jahre zurück“

Afghanische Flüchtlinge in Ludwigshafen und Speyer fordern Familiennachzug – Kritik am Exit des Westens – Frauen sind Hauptleidtragende

Sie sind entsetzt darüber, dass die Taliban nun die neuen Machthaber in ihrem Land sind. „Das wirft uns 20 Jahre zurück“, sagt Gholam Jeylani. „Nein, 100 Jahre!“, entgegnet Betani Samehollah aufgebracht. Gedämpft ist die Stimmung bei den jungen Afghanen, die sich regelmäßig im „Café Asyl“ der protestantischen Kirchengemeinde in Ludwigshafen-Mundenheim treffen. Vor allem fürchten sie um das Leben ihrer in der Heimat zurückgebliebenen Familien und Freunde, die sich zum Teil gegen die radikalen Islamisten stellten.

„Die Frauen und Mädchen haben unter den Taliban nichts mehr zu melden“, empört sich der 22-jährige Sahid Ahmansour Abdzada. Auf die Versprechungen der Taliban gibt er keinen Cent: Sein Vater, ein hochrangiger Regierungsbeamter, wurde von ihnen ermordet. In Ludwigshafen und Speyer leben zahlreiche afghanische Geflüchtete oft schon seit vielen Jahren mit ihren Familien. Eine Anlaufstelle für sie sind das „Café Asyl“ der Mundenheimer Christuskirchengemeinde und der „Treffpunkt Asyl“ der Speyerer protestantischen Gesamtkirchengemeinde.

Mit einem Gefühl von Ohnmacht, Enttäuschung und auch Wut beobachten die Exilanten das Chaos, das seit dem Rückzug der westlichen Mächte in Afghanistan herrscht. „Der Westen hat die Menschen im Land im Stich gelassen“, sagt der 37-jährige Jeylani verbittert. „Es war der größte Fehler, abzuziehen.“ Die USA und auch Deutschland hätten trotz aller Rückschläge im Kampf gegen die Scharia-Krieger ihre Stützpunkte halten und die humanitäre Versorgung der Menschen sichern sollen, sagen die Männer. Ihre Familien müssten nun nach Deutschland nachziehen dürfen, fordern sie. Doch warum stellte sich die eigene afghanische Armee nicht den radikalen Islamisten entgegen? Ratlosigkeit und auch Verärgerung herrschen unter den Männern. „Viele einfache Soldaten wollten kämpfen, die Offiziere waren dazu aber nicht bereit“, versucht sich Jeylani an einer Erklärung. Korruption sei ein großes Problem auch in der Armee – und der Einfluss ausländischer Mächte.

„Pakistan ist an allem schuld“, schimpft der 38-jährige Samehollah. Der islamistische Nachbarstaat unterstütze die Taliban ebenso wie der Iran. Zwar gebe es in der afghanischen Bevölkerung auch Rückhalt für die Taliban, räumen die Männer ein. „Doch vor allem haben die Menschen große Angst“, betont Jeylani. Für die Zukunft ihres Landes sehen die Männer schwarz: An eine Rückkehr westlicher Mächte glauben sie nicht. Auch würden die Taliban ihre Macht nicht mit anderen teilen. „Sie lügen und haben immer gelogen“, stimmen sie überein.

Der ins Exil geflohene Ex-Präsident Aschraf Ghani und die Militärführung seien von den Taliban „gekauft“ worden, glauben die Flüchtlinge Hosseindad Khalili und Mohammad Mahdi Rezaei, die in Speyer leben. Beide gehören der schiitischen Minderheit der Hazara an, die von den Taliban verfolgt wird. Die große Mehrheit der Afghanen wünsche sich mehr Frauen- und Freiheitsrechte, betonen die beiden jungen Männer.

Ankommenden Flüchtlingen wollen die Exil-Afghanen zur Seite stehen. „Wir wollen helfen, etwa mit Nahrungsmitteln oder Kleidern“, versichert eine 19-jährige Schülerin, die mit ihrer 31 Jahre alten Schwester und deren Familie in Speyer lebt. Für Frauen und Mädchen sei die Taliban-Herrschaft eine Katastrophe, sagen die Schwestern, die aus Angst um ihre Angehörigen ihre Namen nicht nennen wollen. Besonders Frauen mit Kindern, die ihre Männer verloren haben, seien den Islamisten völlig ausgeliefert. „Helfen Sie bitte den Frauen in Afghanistan“, sagt die ältere Schwester, „irgendwie“.

Die pfälzische Landeskirche stehe zur Hilfe für afghanische Flüchtlinge bereit, betont Pfarrer Arne Dembek, der Beauftragte für Interkulturalität. Und die Kirchengemeinden in Ludwigshafen und Speyer sowieso: „Wir tun, was wir tun können“, versichert die Ludwigshafener Pfarrerin Birgit Kiefer. Im Speyerer „Treffpunkt Asyl“ gingen die Spenden für Tee, Kaffee und Gebäck zur Neige, ergänzt Pfarrer Uwe Weinerth. „Wir könnten da finanzielle Unterstützung gebrauchen.“ Alexander Lang

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Haben in schwieriger Zeit eine Anlaufstelle im „Treffpunkt Asyl“ bei Pfarrer Uwe Weinerth (links) gefunden: Die in Speyer lebenden Flüchtlinge Mohammad Mahdi Rezaei und Hosseindad Khalili (sitzend, von links). Foto: Landry
Haben in schwieriger Zeit eine Anlaufstelle im „Treffpunkt Asyl“ bei Pfarrer Uwe Weinerth (links) gefunden: Die in Speyer lebenden Flüchtlinge Mohammad Mahdi Rezaei und Hosseindad Khalili (sitzend, von links). Foto: Landry
Wollen Flüchtlingen helfen: Mohammad Mahdi Rezaei (links) und Hosseindad Khalili aus Speyer sorgen sich um ihr Land. Foto: Landry
Wollen Flüchtlingen helfen: Mohammad Mahdi Rezaei (links) und Hosseindad Khalili aus Speyer sorgen sich um ihr Land. Foto: Landry

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    eLvKQhiTVnkOJAd 08/09/2021 um 19:22
    hlcUEjbftvNrxQog
  • user
    aPYszSHCQfBdi 08/09/2021 um 19:22
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    FGYwJbtKxv 08/09/2021 um 19:20
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    janHtRSVrPOFGoxz 08/09/2021 um 19:10
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    zILFjOilXQts 08/09/2021 um 19:10
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    TinMESUhGZzDBmk 08/09/2021 um 15:10
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    kxvWnmscTCZijbPo 08/09/2021 um 15:10
    aDTImMwlRej
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    Monika Schäfer 06/09/2021 um 09:32
    Ich kann nicht glauben dass die beiden Männer hier sitzen und Jammern wegen ihrer Frauen. Warum haben sie diese alleine gelassen? Sie hatten doch zuerst die Frauen ausser Landes bringen können wenn diese dort nichts zu sagen haben und selbst dort bleiben und kämpfen, aufbauen oder sonst irgendwas. Aber nein hier sitzen und Jammern. So schlimm kann es nicht sein, wenn sie ihre Frauen im Stich lassen, anstatt mit zu nehmen. Sorry aber dafür hab ich kein Verständniss.

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