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Die „Letzte Generation“ klebt fest auf der Straße

von Renate Haller

In einigen Städten haben sich junge Menschen an Rahmen alter Gemälde geklebt. Zur Begründung erklärte die hinter der Aktion stehende Gruppe „Letzte Generation“: „Alles, was uns lieb ist, wird durch die Klimakatastrophe zerstört werden.“

Erst kürzlich hat der Expertenrat für Klimafragen festgestellt, dass im Gebäude- und Verkehrssektor noch immer zu viele Treibhausgase ausgestoßen werden und die Sofortprogramme nicht ausreichen, diese zu reduzieren. Die Politik kann nicht schlagartig verbieten, was schlecht ist für die Umwelt. Dem stehen wirtschaftliche Interessen entgegen, und einigen Menschen fehlt die Einsicht, was nicht mehr geht auf diesem schönen Planeten. Vielen macht die Klimaerwärmung aber zu Recht Angst. Die Formen ihres Protestes mögen nicht immer richtig sein, aber sie haben allen Grund, wütend zu sein.

In die Museen kamen Polizisten und lösten die festgeklebten Menschen von den Bilderrahmen. Die Beamten wissen inzwischen, wie das geht. Die bundesweit agierenden Aktivisten der „Letzten Generation“ kleben sich seit Monaten auf Straßen fest. Kilometerlange Staus mit entnervten Autofahrern und -fahrerinnen sind die Folge.

Der Aufschrei ist laut. Der Hauptvorwurf: Mag das Anliegen der Gruppe auch noch so ehrenwert sein – ihr Protest trifft die Falschen. In den Staus stehen nicht Kanzler Olaf Scholz oder Finanzminister Christian Lindner. In den Staus stehen Menschen, die zur Arbeit müssen, die vielleicht sogar lieber mit Bus oder Bahn fahren würden. Das aber nicht können, weil der öffentliche Nahverkehr nun mal nicht gut ausgebaut ist.

Also ja, es trifft die Falschen. Aber wo bleibt der kollektive Aufschrei, wenn Kitas wochenlang dicht sind, weil die Mitarbeitenden für bessere Arbeitsbedingungen streiken? Was passiert, wenn Lokführer höhere Gehälter durchsetzen? Es trifft die Falschen! Es geht immer um den öffentlichen Druck, der die politisch Verantwortlichen zum Handeln bringen soll. Wohlgemerkt: Es geht hier um gewaltfreie Protestaktionen, nicht um tätliche Angriffe oder Aufrufe dazu.

Zu den Aktivisten gehört auch Jesuitenpater Jörg Alt. Er klebte sich auf einer Straße in Nürnberg fest. Seine Begründung: „Wenn ich nett bin, werde ich ignoriert.“ Auch er kämpft um Aufmerksamkeit für das, was alle angeht: steigende Temperaturen, Dürren, abschmelzende Polkappen, auftauender Permafrost und Überflutungen. Das alles führt dazu, dass die Erde in Teilen in absehbarer Zeit unbewohnbar wird. Mit den dazugehörigen Massenfluchtbewegungen.

Der Streit der Wissenschaft dreht sich nicht mehr um das „Ob“ der Klimaerwärmung, sondern um die Frage, wie viele Jahre uns noch bleiben, um die Folgen einzudämmen. „Warum bremsen wir nicht, obwohl die Wand sichtbar vor uns steht, auf die wir zurasen?“, fragt Pater Alt in seinem Buch „Widerstand“. Die Frage ist berechtigt.

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Renate Haller
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