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Die drei Affen und die Fußball-WM

von Jochen Krümpelmann

Stell Dir vor es ist WM und keiner schaut hin. Das scheint aktuell die Situation bei der umstrittenen Fußball-Weltmeisterschaft in Katar zu sein: Die Auftaktniederlage der deutschen Nationalmannschaft gegen die Fußball-Großmacht Japan schauten im Schnitt nur knapp 9,2 Millionen Menschen im TV. Auch das zweite Spiel gegen Spanien verfolgten nur knapp über 17 Millionen Zuschauer. Vor vier Jahren bei der WM in Russland waren es laut Medien bei jedem der nur drei deutschen Spiele immerhin mehr als 25 Millionen Zuschauer.

Was mag nur der Grund sein, dass die noch 2014 vom WM-Titel fußballbesoffenen Deutschen sich nur acht Jahre später eher wenig für die schönste Nebensache der Welt interessieren? Wenn es wirklich die – Gerüchten zufolge – gekaufte WM-Vergabe, die Menschenrechtsdebatte um ausgebeutete Arbeiter an Stadien und die Diskussion um homophobe Äußerungen hochrangiger Vertreter des Emirates sind, die das Desinteresse begründen, wäre das heuchlerisch. Denn auch bei der Weltmeisterschaft vor vier Jahren in Russland oder beim Sommermärchen 2006 in Deutschland lief die Vergabe wohl nicht sauber. Und Russland ist nun auch nicht gerade ein Hort der Menschenrechte oder der Rechte der LGBTQ-Community. Lauten Protest hörte man damals nicht.

Immerhin zeigten die deutschen WM-Helden bei ihrem Auftaktspiel in Katar sanften Protest: Die Hand vor dem Mund beim Mannschaftsfoto stand wohl für den Maulkorb, den die FIFA mit der Absage an die „One Love“-Kapitänsbinde der Aktion einiger Fußballnationen zur Menschenrechtssituation im Austragungsland erteilt hatte: wer die Binde trägt, sieht die gelbe Karte. Wirkte aber optisch eher wie ein Teil der drei Affen: „Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen.“ Das wiederum beschreibt die Position von FIFA-Chef Gianni Infantino ziemlich gut. Der übrigens damit leben musste, dass Bundesinnenministerin Nancy Faeser als „Agent provocateur“ die verbotene „One Love“-Binde beim deutschen Auftaktspiel ins Stadion geschmuggelt und offen getragen hatte. Ob er ihr die gelbe Karte gezeigt hat, ist nicht bekannt.

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Die drei Affen: Nichts hören, nichts sagen und nichts sehen. Foto: pixabay
Die drei Affen: Nichts hören, nichts sagen und nichts sehen. Foto: pixabay

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