Glosse

Der Sekt bleibt gekühlt

von Stefan Mendling

Bräuche, wenn sie gepflegt werden, geben Sicherheit. Zum Beispiel, mit den Nachbarn in der Neujahrsnacht anstoßen und „Prost Neujahr“ wünschen. Diesmal nicht. Die Sektflasche liegt noch im Kühlschrank. Mit diesem Brauch mussten wir brechen. Genauso wie mit dem Weihnachtsessen bei Oma und Opa am zweiten Weihnachtstag. Die einzige, die uns die Treue hält, ist Greta: unser Weihnachtsbaum, der schon letztes Jahr mit uns gefeiert hat. Er hat den heißen, trockenen Sommer in unserem Garten gut überstanden und ist zur Freude der Kinder ein ordentliches Stück gewachsen. Greta ist unser Fels in der Coronabrandung – während alle anderen Bräuche verschwimmen.

Denn: Der Knigge empfiehlt für gepflegte Neujahrswünsche die ersten beiden Januarwochen. Darüber hinaus dürfe man im Einzelfall noch vertrauen Menschen ein frohes, neues Jahr wünschen, sofern man sie noch nicht gesehen hat. Dieses Jahr sind das keine Einzelfälle. Also: Werft den Knigge über Bord und wünscht ein „frohes Neues“, besser noch ein „frohes Besseres“ - egal wann!

Und wo wir schon dabei sind: Wenn ich das Weihnachtsessen mit den Großeltern nachhole, wünsche ich dann „nachträglich frohe Weihnachten?“ Zumindest nach alter protestantischer Tradition wird am 6. Januar der Baum abgeschmückt. Aber nach noch älterer christlicher Tradition geht die Weihnachtszeit genau 40 Tage. Auch im protestantischen Kirchenjahr endet diese erst am letzten Sonntag nach Epiphanias, also am 7. Februar 2021. Das heißt: Noch kann ich guten Gewissens eine „frohe Weihnachtszeit“ wünschen. Und sollte der Weihnachtsbaum es mitmachen, dürfte der auch in protestantischen Wohnzimmern dieses Jahr noch länger stehen bleiben – bis die letzten Geschenke ausgepackt und die letzte Weihnachtsgans gegessen …

Und wer Weihnachten erst im Februar oder noch später feiert, der wartet kürzer auf das nächste Weihnachtfest. Und sobald Corona endgültig besiegt ist, gehe ich mit der Sektflasche auf die Straße und wünsche meinen Nachbarn „Prost Neujahr!“ Egal wann! Mit Sicherheit.

Ihr
Stefan Mendling