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Der Patriarch und Kriegstreiber

von Stefan Seidel

Mit Wucht ist mit dem russischen Angriff auf die Ukraine der Krieg nicht nur als Realität nach Europa zurückgekehrt, sondern auch als Herausforderung für Theologie und Kirchen. Während in den westlichen Kirchen über die letzten Jahrzehnte die Überzeugung gewachsen ist, dass „Krieg nach dem Willen Gottes nicht sein soll“, rechtfertigt der russisch-orthodoxe Patriarch von Moskau, Kyrill, den russischen Krieg in der Ukraine auch theologisch.

„Wenn man die Sonntagspredigten des russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill liest, sieht man, dass er in den vergangenen Jahren eine sehr aggressive politische Theologie mit imperialen Zügen entwickelt hat“, sagte die evangelische Theologin Petra Bahr.

Kyrill hatte den russischen Angriffskrieg in der Ukraine von Beginn an befürwortet. Die politische Theologie des Moskauer Patriarchen zeichne den Traum einer eurasischen, ostslawischen Vereinigung – also einer Vereinigung der Länder Russland, Belarus und Ukraine – auch in kirchenpolitischer Hinsicht. „Kyrill unterstützt nicht nur Putins imperiale Träume, er hat auch eigene religionspolitische Ziele, mit denen er den Krieg rechtfertigt“, sagte Bahr. Kyrill erzähle den Überfall auf die Ukraine als Befreiung von der Dekadenz des Westens und wolle die orthodoxe Christenheit aus dem Griff der pluralistischen Moderne befreien. Kyrill liefere eine geistig-kulturelle Legitimation für den Krieg. Es ist leicht vorstellbar, wie insbesondere die Bibeltexte aus der Zeit der Kämpfe Israels um Land und Selbstbehauptung umstandslos als Kriegslegitimationen auf die Gegenwart bezogen werden können. Dies wirft bekannte Fragen eines verantwortlichen Umgangs mit biblischen Texten auf.

Bereits Martin Luther hatte ­erkannt, dass nicht alle Bibelworte auf einer Stufe stehen und einfach als gültige Gotteswahrheiten zu ­verstehen sind. Zu offenkundig sind zeitgebundene Inhalte und auch menschliche Projektionen. Für ihn gab es eine innere Richtschnur im vielstimmigen Bibelkanon: Entscheidend und vorrangig bedeutsam sei das, „was Christum treibet“: „Und ­darin stimmen alle rechtschaffenen heiligen Bücher überein, dass sie ­allesamt Christum predigen und treiben, auch ist das der rechte Prüfstein, alle Bücher zu tadeln, wenn man sieht, ob sie Christum treiben oder nicht“, schrieb der Reformator.

Ein christliches Bibelverständnis geschieht also in einer Freiheit, die ihren Anfang, ihre Mitte und ihr Ziel in der Liebe hat, die zur höchstmöglichen Geltung gebracht werden soll. Die biblischen Texte sind daher unterscheidend zu lesen: Wo sind sie historisch einzuordnen und zum Beispiel in einer vergangenen Funktion als Gesetzestext einer vordemokratischen Gesellschaft zu verstehen? Und welche Texte enthalten zeitlose, mythische Wahrheiten, die das Leben im erlösenden Licht Gottes zu meistern helfen? Alte Fragen grundsätzlicher Art.

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