Leitartikel

Der Kardinal und das Kirchen-Kapital

von Hartmut Metzger

„Der Patriarchalismus stammt aus dem Bösen, das heißt, seine Wurzel liegt im Sündenfall.“ Und als Ursache der Versuchung, die zur Sünde führte, nennt die Bibel ganz eindeutig den Wunsch: Sie wollten sein wie Gott. Diese Herleitung des Missstands, unter dem die katholische Kirche bis heute leidet, stammt aus der Feder des Speyerer Weihbischofs Ernst Gutting. 1987 veröffentlichte der Referent für die Frauenseelsorge bei der Deutschen Bischofskonferenz sein Buch ­„Offensive gegen den Patriarchalismus“, das eine sehr große Beachtung fand.

Jetzt hat Kardinal Reinhard Marx angesichts der „Katastrophe des sexuellen Missbrauchs durch Amtsträger der Kirche“ dem Papst seinen Rücktritt angeboten. Es ist ihm abzunehmen, dass er ein Zeichen setzen und „Mitverantwortung“ übernehmen will für das, was in seiner Kirche geschehen ist und Männer in hohen Ämtern über Jahrzehnte hinweg geschehen lassen konnten. Marx spricht es in einem Brief an Papst Franziskus offen aus: Die Gutachten zeigten ihm persönliches Versagen und administrative Fehler, aber eben auch institutionelles oder „systemisches“ Versagen auf.

Und der Papst erlaubt Reinhard Marx die Veröffentlichung des Schreibens, in dem es heißt: „Ich empfinde jedenfalls meine persönliche Schuld und Mitverantwortung auch durch Schweigen, Versäumnisse und zu ­starke Konzentration auf das Ansehen der ­Institution.“ Kann der „tote Punkt“, den Marx konstatiert, zum „Wendepunkt“ werden? Falls ja, dann sicher­lich nicht durch die Rücktritte einiger Vertreter jenes Patriarchalismus’, den Ernst Gutting als Grundübel ausmachte. Wirkliche Umkehr braucht eine radikale Absage an die patriarchale Struktur: Vertrauen ist das ­Kapital der Kirche.