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Dem Bösen den Spiegel vorhalten

Fantastische Tierwesen und was sie mit Christentum und Pfalz zu tun haben • von Michael Landgraf

Die Bücher und Filme von Harry-Potter-Autorin Joanne K. Rowling haben sie weltweit populär gemacht: Fantastische Tierwesen sind jedoch keine Neukreation der Bestsellerautorin. Wie Phoenix aus der Asche erleben mit ihnen Fantasiegestalten aus der Vergangenheit eine Wiedergeburt. Dass dies mit einem angeblichen okkultistischen Hintergrund Rowlings zu tun habe, wie dies in etlichen evangelikal-fundamentalistischen Kreisen unterstellt wird, ist auszuschließen.

Rowling ist praktizierende Christin und in der Symbolwelt der Kirchen zu Hause. Daher ist ihre Fantasiewelt eher mit der von Clive Stapels Lewis vergleichbar, dessen christliche Prägung jedoch deutlicher in den „Chroniken von Narnia“ erkennbar ist. Wie das Christentum solche Wesen in seine Glaubenswelt integriert hat, darauf geben beispielsweise aus der Reformationszeit stammende Bilder zur „Versuchung des Heiligen Antonius“ aus den Werkstätten von Hieronymus Bosch und Lucas Cranach dem Älteren Antwort, ebenso auf dem Isenheimer Altar Matthias Grünewalds. Auffällig sind darin besonders vogelähnliche Dämonen als Symbol für das Böse.

Um solchen Wesen zu begegnen, ist aber kein Gang ins Museum nötig. Es reicht, sich auf einen Marktplatz mit mittelalterlicher Kirche, beispielsweise dem in Neustadt, zu setzen. An der um das Jahr 1400 fertiggestellten Stiftskirche ist zu entdecken, dass die am Dach angebrachten Wasserabläufe für Regen nicht einfache Rohre sind. Dämonische Wesen blicken chimärengleich von oben herab, Schreckgestalten mit Reißzähnen, mit tierischem Aussehen, teils auch mit Flügeln ausgestattet.

Solche Wesen begegnen den Betrachtern an vielen berühmten Kirchen: am Kölner Dom, am Freiburger und Ulmer Münster oder an Notre-Dame in Paris. Die Pariser Dämonenwesen haben bei Kindern durch eine Walt-Disney-Zeichentrickfilm-Produktion über den Glöckner der Kathedrale sogar Kultstatus erlangt. Gargylen, Gargouilles oder Gargoyles werden sie genannt. Verwandt ist der Begriff mit dem Wort „gurgeln“, denn ein Gurgelgeräusch entsteht, wenn durch deren dämonische Hälse das Wasser abläuft. Ihre eigentliche Funktion ist, große Regenmengen abzuleiten, damit das Mauerwerk, der Mörtel und das Fundament der Kirche keinen Schaden nehmen.

Bei der Gestaltung der Ablaufrinnen wurde der Fantasie der Bildhauer wohl keine Grenze gesetzt. Schon in der Romanik, vor allem aber von Frankreich kommend in der Gotik, der Renaissance und dann wieder im 19. Jahrhundert, also in einem Zeitraum von rund 800 Jahren Kirchenbau, sind sie zu finden. Auch sie symbolisieren, wie bei Bosch und Cranach, das Böse. Doch ihr Zweck ist es nicht, brave Christenmenschen zu erschrecken. Die Fantastischen Wesen sollen im Gegenteil das Böse abwehren, indem sie ihm den Spiegel vorhalten.

Sie sind also zum Schutz der Kirche da, denn in der Vorstellung der Kir­chen­er­bauer ist diese bereits Teil der himmlischen Welt. Daher heißt der Eingang einer Kirche auch Portal, von Porta Coeli, also Tor zum Himmel, das im Fall der Stiftskirche Neustadt zusätzlich von einem vorgelagerten Paradies geschützt wird. Von der Nordseite her tritt der Besucher so unter dem Schutz der Engel in die Kirche ein. Weil man aber auch im Inneren einer Kirche dem vielleicht eingedrungenen Bösen den Spiegel vorhalten will, sind Dämonengestalten häufig auch dort zu finden, beispielsweise an Säulenabschlüssen oder am Chorgestühl.

Das Christentum ist mit dieser Idee nicht allein. Schreckgestalten als dämonenabwehrende fantastische Tierwesen sind auch in anderen Religionen fester Bestandteil. Das beste Beispiel ist der Garuda im asiatischen Hinduismus und Buddhismus. Das oft als Reittier des Gottes Wischnu oder auch Buddhas dargestellte kämpferisch aussehende Vogelwesen sitzt auf vielen Tempeldächern, um diese zu schützen. Sein grimmiger Blick soll aber auch an Tempeltoren das Böse abwehren. Genauso wie der Donnervogel der indianischen Mythologie, der in Joanne K. Rowlings Filmen verarbeitet wurde.

Bei solchen Gestalten kommt in der Pfalz schnell ein einheimisches fantastisches Tierwesen in den Sinn, die Elwetritsch. Heute wird sie als Spaßvogel interpretiert und ist in der Pfalz weitverbreitet. Es gibt unter anderem in Speyer ein Museum dazu, in Neustadt einen viel besuchten Brunnen von Gernot Rumpf und in Dahn einen rund elf Kilometer langen Lehrpfad zu dem fantastischen Tier. Doch die Wurzeln der Elwetritsch reichen weit zurück. Das haben der Volkskundler Helmut Seebach und der Sprachwissenschaftler Michael Werner überzeugend dargelegt.

In seinem Werk „Kleine Kulturgeschichte Europas“ führt Seebach das Motiv auf unreine Tiere der Bibel zurück. Nach 3. Mose 11, 19 wird „alles kleine Getier, das Flügel hat und auf vier Füßen geht,“ als unrein eingestuft. Die Offenbarung stellt in Kapitel 18, 2 eine Verbindung von Dämonen und unreinen Vögeln her. Seebach sammelte Belege alter Ritzzeichnungen solcher Wesen an Häusern, die vom Alpenland bis Skandinavien und nach Pennsylvania reichen. Er schließt daraus, dass sie im christlichen Kontext angebracht wurden, um das Böse mit dem Abbild des Bösen abzuschrecken.

Dies erkennt auch Michael Werner, der seit den 1990er Jahren über die Sprache und die Traditionen der Pfälzisch sprechenden Auswanderer in Pennsylvania forscht. In seinem Buch „Hiwwe wie Driwwe“ überträgt er das Wort Elwetritsch mit Alb-Druck. Damit stuft er die vor über 250 Jahren mit nach Pennsylvania ausgewanderten Wesen als Druck- und Plagegeister ein – also als etwas dämonisch Böses.

Dass ausgerechnet die frommen protestantischen und mennonitischen Pennsylvanier heute noch Abbildungen von Elwetritschen an Scheunen malen, erstaunt Werner. Er fragt, wie christlicher Glaube und Aberglaube zusammenpassen. Des Rätsels Lösung bieten die vorreformatorischen dämonischen Wasserspeier. Seit dem Mittelalter dienen solche Abbildungen fantastischer Tierwesen dem Schutz christlicher Kirchen. Warum sollten sie dann nicht auch den Gläubigen helfen, ihr Haus und ihre Ernte zu schützen? Dass das Motiv mit in die neue Welt gewandert ist, zeigt, wie sehr die Idee, das Böse mit dem Bösen abzuschrecken, im Glauben der Menschen verwurzelt war und teils heute noch ist.

Pfarrer Michael Landgraf ist Leiter des Religionspädagogischen Zentrums Neustadt und Bibelbeauftragter der Evangelischen Kirche der Pfalz.

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Soll das Böse fernhalten: Schreiend reckt sich die Steinfigur an der Neustadter Stiftskirche dem Betrachter entgegen. Foto: LM
Soll das Böse fernhalten: Schreiend reckt sich die Steinfigur an der Neustadter Stiftskirche dem Betrachter entgegen. Foto: LM
Mit Zähnen oder Hörnern bewehrtes Fabelwesen: Elwetritsch in Neustadt. Fotos: pv
Mit Zähnen oder Hörnern bewehrtes Fabelwesen: Elwetritsch in Neustadt. Fotos: pv
Wehrt das Böse ab: Garuda am Eingang eines Hindutempels. Foto: pv
Wehrt das Böse ab: Garuda am Eingang eines Hindutempels. Foto: pv
Elwetritsch an einer Scheune in Pennsylvania. Foto: pv
Elwetritsch an einer Scheune in Pennsylvania. Foto: pv

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