Andacht

Deine Barmherzigkeit

Andacht zum Sonntag Rogate

von Pfarrer Uwe Laux

Ach, Herr, um aller deiner Gerechtigkeit willen wende ab deinen Zorn und Grimm von deiner Stadt Jerusalem und deinem heiligen Berg. Denn wegen unserer Sünden und wegen der Missetaten unserer Väter trägt Jerusalem und dein Volk Schmach bei allen, die um uns her wohnen. Und nun, unser Gott, höre das Gebet deines Knechtes und sein Flehen. Lass leuchten dein Angesicht über dein zerstörtes Heiligtum um deinetwillen, Herr! Neige deine Ohren, mein Gott, und höre, tu deine Augen auf und sieh an unsere Trümmer und die Stadt, die nach deinem Namen genannt ist. Denn wir liegen vor dir mit unserm Gebet und vertrauen nicht auf unsre Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit.

Daniel 9, (4–5) 16–18 (19)

„Flehen.“ – In welcher Lage bin ich eigentlich, wenn ich so sprechen muss? An wen wende ich mich da eigentlich, wenn ich so flehe? „Ach, Herr, höre! Ach, Herr, sei gnädig! Ach, Herr, merk auf und handle!“ Ja, es gibt diese fürchterlichen Momente, auf die ich sehr gerne verzichten würde: „Wende ab deinen Zorn und Grimm.“

Vor drei Tagen habe ich sie zum Flughafen gebracht. Dann flog sie los, und ich habe nichts mehr von ihr gehört! Ihr Handy war aus. Ich bin fast verrückt geworden vor Sorgen. Immer wieder hole ich mir in diesen Tagen mein Smartphone aus der Tasche hervor und schau, ob sie jetzt endlich eine Nachricht geschickt hat. Nein, nichts. Wenn ich versuche, sie anzurufen, dann höre ich nur immer wieder: „Der von Ihnen gewünschte Teilnehmer ist vorübergehend nicht erreichbar!“ Nach diesen drei Tagen bin ich völlig am Ende: „Und sieh an unsere Trümmer.“

An diesem Nachmittag bin ich gerade mit dem Hund im Feld unterwegs. Ich stehe da unter dem blauen Himmel. Mir laufen die Tränen über die Backen, und mir fehlen die Worte für das, was mir da auf der Seele lastet. Und weil mir die Worte fehlen, fange ich an zu schluchzen, oder soll ich altmodisch sagen zu flehen. Und in dieses Flehen mischen sich dann meine Gedanken. Gibt es so etwas überhaupt wie den Zorn des ganzen Universums, den Zorn des Schicksals, den Zorn Gottes? Ich weiß es zwar nicht, aber es fühlt sich in diesem Moment genau so an! „Ach, du, was auch immer, mach doch was, irgendwas, irgendwas Erlösendes! Bitte! Bitte! Bitte!“

Ich weiß ja nicht, ob mein Flehen in Erfüllung geht! Aber ich hoffe auf etwas. Ich weiß auch nicht, was mir diese Zukunft bringen wird. Aber auf irgendwas hoffe ich. Selten hoffe ich so intensiv wie jetzt in diesem tränenreichen Flehen. Und während ich mit feuchten Augen hoffe, spüre ich, dass ich hier unter diesem Himmel mit meinem Flehen einen Platz habe.

Ich stehe irgendwo in diesem unendlichen Universum. Und ich stehe! Ich weiß nicht, ob mein Bitten in Erfüllung gehen wird. Aber ich habe doch das Gefühl, ich werde irgendwie gehört, von wem auch immer. Von wem? Wer oder was auch immer den Finger am Schicksal meines Lebens liegen hat, der hört! Was er oder es mit dem Gehörten macht, das weiß ich allerdings nicht! Das muss ich lassen. Das muss ich zulassen. Da muss ich auch einiges loslassen: „und vertrauen … auf deine große Barmherzigkeit.“

Ich spüre, wie mit diesem Lassen meine Tränen in diesem unendlichen Universum ihren Platz gefunden haben. Ich wische sie in mein Taschentuch, das ich dann meiner Jackentasche anvertraue. Dort bewahre ich meine Tränen behutsam auf. Ich atme tief durch, und dann gehe ich nach Hause, immer den Weg entlang, immer Richtung Heimat. Alles hat in diesem Flehen seinen Ort und seine Richtung. Die Tränen haben ihren Platz. Sie liegen behütet in meiner Jackentasche. Mein Gang hat seine Richtung. Ich weiß, wo ich hingehe. Meine Tränen und mein Gang scheinen trotz meiner Sorgen dennoch wohlplatziert zu sein: „Deine Stadt und dein Volk ist nach deinem Namen genannt.“

Ich betrete meine Wohnung und bleibe im Flur stehen. Nochmal atme ich tief ein. Den ganzen Vormittag hatte ich mich nicht getraut, auf dieses Smartphone zu schauen vor lauter Angst davor, dort wieder kein Lebenszeichen zu finden. Jetzt traue ich mich und klicke das Display an: Mir fällt ein riesiger Stein vom Herzen: „Hi, ich bin’s, sorry, Akku war futsch, konnte heute erst einen neuen besorgen!“ Ich lass mich in den Stuhl im Flur sacken, vergrabe mein Gesicht in meinen Händen und schluchze los: „Wir liegen vor dir.“

Und wenn keine Nachricht gekommen wäre? Manchmal müssen wir auch das erleben. Dann möge ich mit meinen Tränen einen behüteten Ort finden. Dann möge ich in das Vertrauen hineinfinden, dass meine Tränen immer diesen Platz finden, an dem sie sich wohlbehütet anfühlen und ich mich in diese Welt wohleingefügt fühle.

Uwe Laux ist Pfarrer an der Zwölf-Apostel-Kirche in Frankenthal.

Gebet

Guter Gott, lass mich spüren, dass mein Flehen gehört wird. Gib meinen Sorgentränen ihren behüteten Ort. Gib mir das Gefühl, auf dem Weg zu sein. Schenke mir Tränen der Erleichterung. Gib mir das Gefühl, in diesem unendlichen Universum, wohleingefügt zu sein. Amen.