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Das Schweigen brechen

Andacht zum 13. Sonntag nach Trinitatis

von Pfarrerin Anja Behrens

Und Adam erkannte seine Frau Eva, und sie ward schwanger und gebar den Kain und sprach: Ich habe einen Mann gewonnen mithilfe des Herrn. Danach gebar sie Abel, seinen Bruder. Und Abel wurde ein Schäfer, Kain aber wurde ein Ackermann. Es begab sich aber nach etlicher Zeit, dass Kain dem Herrn Opfer brachte von den Früchten des Feldes. Und auch Abel brachte von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Und der Herr sah gnädig an Abel und sein Opfer, aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an. Da ergrimmte Kain sehr und senkte finster seinen Blick. Da sprach der Herr zu Kain: Warum ergrimmst du? Und warum senkst du deinen Blick? Ist’s nicht so: Wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick erheben. Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen; du aber herrsche über sie. Da sprach Kain zu seinem Bruder Abel: Lass uns aufs Feld gehen! Und es begab sich, als sie auf dem Felde waren, erhob sich Kain wider seinen Bruder Abel und schlug ihn tot.

1. Mose 4, 1–8 (9–16a)

„Erzähl uns noch einmal die Geschichte von Kain und Abel.“ Worte finden für den ersten Mord in der Bibel? Als unsere Kinder klein waren, hatten wir eine Hosentaschenbibel. Klein und blau, passte sie selbst in eine Kinderhosentasche. Nur Bilder, keine Worte. Und gleich auf der zweiten Seite steht Kain auf seinem steinigen Acker. In der Hand hält er eine Axt. Sein Blick ist in den Himmel gerichtet. Abel liegt tot am Boden zwischen seinen Schafen. Und schon sind wir mitten in der Geschichte. Denn zwischen den Brüdern gibt es keine Worte mehr schon vor dem Mord.

Kain und Abel schlagen unterschiedliche Wege ein, der eine wird Bauer, der andere Hirte. Und wie so oft bei Geschwistern konkurrieren sie miteinander, vielleicht noch nicht einmal bewusst. Jeder bringt Gott ein Opfer dar. Abels sieht Gott an, Kains nicht. Nicht gesehen zu werden, das tut weh. Auch Kain hat geschuftet, sein Feld bestellt. Und einen Teil seiner Ernte opfert er Gott. Und Gott sieht nicht hin. Hat anscheinend nur Augen für den Bruder und seine Arbeit. Da kommen ganz verschiedene Gefühle an die Oberfläche, Trauer und Wut vermischen sich. Gott sieht, dass sich da was zusammenbraut in Kain. Er spricht ihn an, fragt, warum er so zornig ist. Und Kain schweigt. Und ich denke: Rede doch, schrei deine Wut raus, wirf sie Gott hin, von dem du dich zurückgesetzt fühlst. Und im gleichen Moment weiß ich um mein eigenes Schweigen in bestimmten Situationen. Ich ziehe mich manchmal beleidigt zurück anstatt zu sagen, was mich ärgert oder traurig macht.

Bei Kain und Abel eskaliert die Situation. Kain wird zum Mörder. Draußen auf dem Feld erschlägt er seinen Bruder. Jetzt ist da entsetztes Schweigen, doch Abels Blut schreit zum Himmel.

„Erzähl uns die Geschichte von Kain und Abel.“ Die Geschichte geht nicht gut aus. Geschichten der Gewalt können nicht gut ausgehen. Abel ist tot. Der Schmerz über den Verlust bleibt. Abel fehlt von nun an seiner Familie, seinen Freundinnen und Freunden, der Welt. Und auch jetzt mischen sich Trauer und Wut ineinander. Und es braucht Menschen, die die Tränen und die Wut und das Erschrecken der Hinterbliebenen aushalten. Kein Schweigen mehr, sondern immer wieder die Ermutigung über das Geschehene zu reden. Damit Leben neu möglich wird.

Und Kain muss die Verantwortung für seine Tat übernehmen. Fortan muss er mit seiner Schuld leben. Es gibt kein zurück. Er kann den Mord nicht ungeschehen machen. Und dennoch bleibt ihm Zukunft. Der Täter bleibt mehr als das, was er tut. Und auch Kain braucht nun die Ermutigung zu reden über seine Tat, über seine Schuld, über seinen Schmerz und seine Wut.

„Erzähl uns noch mal die Geschichte von Kain und Abel.“ Ja, bis heute ist es wichtig, diese Geschichte zu erzählen auch Kindern. Sie macht deutlich, wie schnell eine Situation eskalieren kann. Ich habe damals immer wieder die Geschichte erzählt. Und gemeinsam haben wir überlegt, ob die Geschichte auch anders hätte ausgehen können.

Eine Möglichkeit der Deeskalation ist es, das Schweigen zu brechen. Und das kann nicht früh genug beginnen. Rede über das, was dich zornig macht, rede über das, was dich traurig macht, rede über deine Freude. Sprich es aus, wenn du dich ungerecht behandelt fühlst. Rede mit deiner Familie, mit deinen Freunden, wirf Gott hin, was dich quält. Für Kain kamen Gottes Fragen zu spät.

Schon auf der zweiten Seite der Hosentaschenbibel sieht man einen Mord unter Brüdern. Ganz zu Beginn ist offenbar, dass das Leben schrecklich sein kann, dass es Mord und Totschlag auch in Familien gibt. Dass es ein „Zu-Spät“ gibt. Darum braucht es die Ermutigung: Erzähl mir deine Geschichte!

Anja Behrens ist Pfarrerin im Landeskirchenrat in Speyer.

Gebet

Ich gebe dir, Gott, meine dunklen Gefühle. Erbarme dich meiner und zeig mir dein Licht. Ich gebe dir, Gott, meine quälenden Ängste. Erbarme dich meiner und richte mich auf. Ich gebe dir, Gott, auch mein Herz, das verletzt ist. Erbarme dich meiner und schaffe mich neu. Amen.

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Der Brudermord von Kain an Abel:  Emporenmalerei in der evangelischen Kirche St. Martin von Mihla an der Werra in Thüringen. Foto: epd
Der Brudermord von Kain an Abel: Emporenmalerei in der evangelischen Kirche St. Martin von Mihla an der Werra in Thüringen. Foto: epd

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