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Das christliche Friedenszeugnis

von Stefan Seidel

Zur diesjährigen Friedensdekade, die am 16. November zu Ende geht, besinnen sich viele auf das christliche Friedenszeugnis und beten um Auswege aus der Gewalt. In vielen Gemeinden geschieht dies im Angesicht des furchtbaren Kriegs in der Ukraine. So ist vor allem Raum zur Klage nötig über so viel Leid und Zerstörung, über so viele Opfer.

„Wie liegt die Stadt so wüst, die voll Volks war! (…) Darüber weine ich so, und mein Auge fließt von Tränen“, klagt Jeremia in seinen Klageliedern (1, 1.16). Es ist die Klage über die Barbarei des Kriegs, die immer wieder wie eine Seuche über die Menschheit fällt. Und man möchte fortfahren mit dem „Weheruf“ des Propheten Micha: „Weh denen, die Schaden zu tun trachten und gehen mit bösen Gedanken um auf ihrem Lager, dass sie es frühe, wenn’s licht wird, vollbringen, weil sie die Macht haben!“ (Micha 2, 1).

Und doch erhebt sich über diesen gewaltsamen Verheerungen die unerhörte Vision vom Anbruch des ewigen Friedensreichs: dass die Völker zur Friedensstadt Zion ziehen, ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und „hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen“ (Micha 4, 1–3). Der Anbruch dieses so ganz anders gearteten Friedensreichs wird verknüpft mit dem Friedensbringer aus Bethlehem: „Er wird der Friede sein“, kündigt der Prophet Micha an (Micha 5, 1.4). Und er ist gekommen. In jener geweihten Nacht vor über 2000 Jahren – mit dem Ruf der Engel über den Fluren von Bethlehem: „Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“ Es ist ein anderer Frieden als der, den die Welt gibt. Anders als jener „Frieden“ der Machthabenden, der doch eigentlich Krieg ist und auf das Besiegen, Ruinieren und Vernichten des Gegners setzt.

Wenn in diesen Tagen von christlicher Seite wieder nach dem wirklichen Frieden gesucht wird, sollte in die Schule des Friedens Jesu gegangen werden. In Zeiten allgegenwärtiger Kriegsrhetorik, die nur die Aufteilung der Welt in Freunde und Feinde und die Sprache der Waffen kennt, die die Herzen und Hirne zum Kasernenhof verengt und nur das eine Mittel kennt: stärker, härter, siegreicher sein, ist der andere Geist Jesu nötiger denn je.

Sein Ausweg besteht darin, sich auf eine dritte Größe jenseits von Freund und Feind zu beziehen: die göttliche Friedenskraft des Reichs Gottes, die unsichtbar sich schon um uns breitet und darauf wartet, unter uns wirksam zu werden. Dieser Frieden ist die Umkehrung der Maßstäbe des Kriegs: Feindesliebe, Entmachtung des Hasses, Sanftmut, Friedensstiftung, Verzicht auf Vergeltung. Er ist das Salz der Erde und das Licht der Welt.

Diese Schule des Friedens Jesu hat viele Lehrer. Aber Frieden wurzelt in Gott – bei ihm weiden Wolf und Schaf beieinander und Bosheit und Schaden sind überwunden (Jesaja 65, 25). Und die Gnade Gottes ist es, dass wir aus diesem Frieden schöpfen können.

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Stefan Seidel
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