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Christen im Kreuzfeuer der Militärjunta

Nach dem Putsch in Myanmar sind Kirchengemeinden wieder brutalen Repressionen ausgesetzt

Als Pastor Cung Biak Hum helfen wollte, die brennenden Häuser zu löschen, wurde er von den Truppen der Militärjunta erschossen. Die Gebäude waren in Flammen aufgegangen, als die Armee die Stadt Thantlang in Myanmar bombardierte. Zuvor hatte es heftige Gefechte zwischen Militär und örtlichen Widerstandskämpfern gegeben. Der 31-jährige Baptist starb am 18. September. Laut der Menschenrechtsorganisation CHRO schnitten ihm Soldaten den Finger ab und stahlen seinen Ehering.

Im nordwestlichen Bundesstaat Chin gehören über 90 Prozent der Bewohner dem Christentum an. Die Region gehört zu denen, wo der Aufstand gegen den Putsch vom 1. Februar am erbittertsten ist. Dass das Regime unter Diktator Min Aung Hlaing dort mit Luftangriffen und schwerer Artillerie gegen Zivilisten vorgeht, sehen Bewohner und Menschenrechtler als „Racheakte“. Allein im August und September wurden laut CHRO im Chin-Staat und den Regionen Sagaing und Magwe 45 Menschen getötet. Fast 200 Häuser und andere zivile Infrastruktur wurden zerstört oder beschädigt, darunter mindestens sieben Kirchen.

Aus anderen Landesteilen werden ebenfalls systematische Razzien und Angriffe gemeldet. Im Mai waren bei einem Mörserangriff auf eine katholische Kirche im östlichen Bundesstaat Kayah, in der Ältere und Kinder Zuflucht gesucht hatten, vier Zivilisten getötet worden. Appelle zum Gewaltverzicht wie die von Yangons Erzbischof, Kardinal Charles Maung Bo, verhallten. Nicht erst seit dem jüngsten Putsch terrorisiert die Armee ethnische und religiöse Minderheiten. Als die politischen Spannungen in den 1990er Jahren zwischen dem Chin-Staat und der damaligen Militärregierung eskalierten, habe eine aggressive Verfolgung der Christen begonnen, schreibt die US-Organisation „International Christian Concern“. Gebetsstätten seien zerstört worden, auch sei versucht worden, „Gläubige gewaltsam zum Buddhismus zu bekehren“. Diese Kampagne einer Zwangsassimilation halte unvermindert an.

Regionen im Osten und Norden Myanmars sind teils seit der Unabhängigkeit Myanmars (früher Birma) von Großbritannien 1948 Schauplätze von Bürgerkriegen zwischen Zentralstaat und ethnischen Rebellen. Vertreter christlicher Gemeinden, die sich humanitär engagieren oder helfen, Menschenrechtsverletzungen zu dokumentieren, sind bis heute brutalen Repressionen ausgesetzt. Der Putsch habe das Militär darin bestärkt, Christen und Muslime weiter zu verfolgen, kritisierten mehr als 100 Initiativen und Persönlichkeiten in einem Brief an UN-Generalsekretär António Guterres, den die Organisation „Burma Campaign UK“ veröffentlichte. Hetze gegen Christen habe sich in den vergangenen Monaten verschärft, sie würden willkürlich verhaftet oder ermordet.

Derweil droht dem Chin-Staat und Nachbarregionen eine neue Eskalation. Berichten zufolge wurde dort die Zahl der Truppen und schwerer Waffen verstärkt. Mit einer Invasion wolle das Regime „eine strategische Dominanz“ wiederherstellen, befürchtet CHRO-Vizechef Salai Za Uk Ling. Ein „Inferno“ durch Brandbomben in Thantlang meldete seine Organisation am Freitag: bis zum frühen Abend seien Berichten zufolge über 100 Häuser, darunter religiöse Gebäude, zerstört worden.

Dies erinnere auf unheilvolle Weise an jene Taktik, die das Militär vor seinen völkermörderischen Angriffen auf die muslimischen Rohingya im Bundesstaat Rakhine 2016 und 2017 angewandt habe, mahnte auch der UN-Sonderberichterstatter für Myanmar, Tom Andrews.

„Wiederholte Warnungen vor dem drohenden Völkermord an den Rohingya wurden jahrelang ignoriert, bis es zu spät war“, heißt es auch in dem Schreiben der über 100 Organisationen an Guterres. Unter anderem fordern sie ein globales Waffenembargo gegen Myanmars Junta. „Wir läuten die Alarmglocke jetzt, da die reale Gefahr besteht, dass das Militär wieder Nationalismus und Angriffe auf Nicht-Buddhisten für seine schändliche politische Agenda ausnutzt, mit verheerenden Folgen für die religiösen Minderheiten im Land.“ Nicola Glass

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Aus Glaubensgründen auf der Flucht: Ein Lager für muslimische Rohingya in Bangladesch. Foto: epd
Aus Glaubensgründen auf der Flucht: Ein Lager für muslimische Rohingya in Bangladesch. Foto: epd

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