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Cherdron: Kasernierung in Altenheimen verdichtet sich

Altkirchenpräsident kritisiert Testkonzept einer Einrichtung der Diakonissen – Träger will kein Personal zur Kontrolle von Selbsttests abstellen

Der ehemalige Kirchenpräsident Eberhard Cherdron übt scharfe Kritik am Umgang mit der Corona-Testpflicht im Speyerer Altenpflegeheim „Haus am Germansberg“ der Diakonissen Speyer. Es sei sehr belastend, dass in der Einrichtung keine Testmöglichkeit bestehe, sagte Cherdron, der täglich seine Frau in dem Heim besucht. Die Testpflicht sei für das „Haus am Germansberg“ offensichtlich ein Instrument, um einen Teil-Lockdown zu schaffen.

Zwar fordere der Gesetzgeber eine Testmöglichkeit in den Einrichtungen, sagte Cherdron, der von 1984 bis 1989 das Diakonische Werk Pfalz geleitet hat. Allerdings sei diese Forderung so locker formuliert, dass sich ihr Einrichtungen problemlos entziehen könnten, um Geld und Arbeit zu sparen. „Dass dies ausgerechnet von den Diakonissen als größtem diakonischen Träger der stationären Altenpflege in der Pfalz zu sagen ist, ist mir selbst sehr peinlich.“ Eigentlich erwarte er von Kirche und Diakonie ein Testkonzept, das zeige: Wir wollen unsere Häuser so weit es geht offen halten. Im Augenblick sei das Gegenteil der Fall.

Die Testpflicht hat nach Cherdrons Ansicht die Zahl der Besuche in Altenpflegeheimen erheblich verringert. Sozialwissenschaftler sprächen davon, dass das Hygiene-Management in der Pandemie lieber die Menschen den sozialen Tod sterben ließe, als seine Maßnahmen zu überdenken, sagte er. Dadurch verdichte sich die Kasernierung in Pflegeheimen. Politik und Träger schwiegen sich dazu aus. „Es würde ja etwas von dem Glanz eintrüben, dass man sich so sehr für die vulnerablen Gruppen einsetzt.“

Natürlich komme die Pflege in diesen Zeiten ans Ende, räumte der Altkirchenpräsident ein. Aber die Pflegenden seien es ja nicht, die den Rückgang der Besucherzahlen, die Einsamkeit und die wachsende Kontaktlosigkeit zu verantworten hätten. Das Pflegemanagement müsse in den Blick nehmen, welche verheerende Auswirkungen eine scheinbar harmlose Maßnahme wie die Testpflicht habe. Cherdrons Mindestforderung ist, dass in jedem Altenpflegeheim ein Selbsttest für Besucher möglich ist. Dieser könne von Aushilfskräften kontrolliert werden.

Ein solcher Selbsttest sei nach geltendem Recht möglich, wenn er von der Einrichtung überwacht werde, teilte das rheinland-pfälzische Sozialministerium auf Anfrage mit. Dem Ministerium lägen keine Hinweise vor, dass es durch die Testpflicht zu einer zunehmenden sozialen Isolation von Bewohnerinnen und Bewohnern gekommen sei. Allerdings erhebe das Ministerium keine Daten über Besucherzahlen in Heimen. Die Diakonissen Speyer verweisen auf Anfrage darauf, dass das „Haus am Germansberg“ sein Testkonzept mit den umliegenden Teststationen abgestimmt habe. In unmittelbarer Nähe gebe es ein Testzentrum, das von 7 bis 21 Uhr geöffnet sei. Grundsätzlich hätten die zwölf Seniorenzentren der Diakonissen unterschiedliche Testkonzepte. Jedoch sei jede Einrichtung dankbar, wenn Besucher Testergebnisse mitbrächten, da dann kein Personal fürs Testen abgestellt werden müsse. Dieses Personal fehle dann bei der Pflege.

Bei Selbsttests vor Ort stelle sich die Frage der Kontrolle, so die Diakonissen weiter. Auch hier würde das Umsetzen eines modifizierten Hygienekonzepts Personal binden, das in der Pflege nicht mehr zur Verfügung stünde. Der Träger wisse um die Mehrbelastung der Angehörigen durch die Tests, allerdings seien diese Tests wichtige Bausteine eines Hygienekonzepts zum Schutz vulnerabler Gruppen. Im „Haus am Germansberg“ habe die Einrichtungsleitung zudem rückgemeldet, dass sich die tägliche Besuchsstatistik auf stabilem Niveau eingependelt habe, das nicht von der Zeit abweiche, als es mit Unterstützung der Bundeswehr ein tägliches Testangebot im Haus gegeben habe.

Landesdiakoniepfarrer Albrecht Bähr hält die Vorgaben des Landes Rheinland-Pfalz zur Testpflicht für angemessen. Er fordert jedoch alle Träger auf, die darin enthaltenen Spielräume zu nutzen. „Die Diakonie orientiert sich in der Pflege an einem ganzheitlichen Menschenbild.“ Dabei spielten soziale Kontakte für die Psyche eine wichtige Rolle. „Satt und sauber reicht nicht“, sagte Bähr. Klaus Koch

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Bietet für Besucher keine Testmöglichkeit an: Das Altenpflegeheim „Haus am Germansberg“ der Diakonissen in Speyer. Foto: Landry
Bietet für Besucher keine Testmöglichkeit an: Das Altenpflegeheim „Haus am Germansberg“ der Diakonissen in Speyer. Foto: Landry

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