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Bibelsprüche regen zum Nachdenken an

Internationales Gremium wählt die Jahreslosungen aus – Texte sollen Lust auf das Bibellesen machen

Sie ringen um das richtige Wort und finden doch zu einer klaren Entscheidung. Drei Tage lang brütet Ende Februar ein 23-köpfiges internationales Expertenteam über 33 Bibelsprüchen. Es wird gelesen, gemeinsam in Kleingruppen diskutiert, dann am Ende im Plenum abgestimmt. „Du bist ein Gott, der mich sieht“ (1. Buch Mose 16, 13), lautet die Jahreslosung für 2023. Darauf hat sich die Ökumenische Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen (ÖAB) bei ihrem Jahrestreffen in Berlin verständigt. Der Bibelvers aus dem Alten Testament nach der Übersetzung Martin Luthers ist ein Leitwort für Christinnen und Christen. Kirchengemeinden erarbeiten Veranstaltungen dazu. Das Bibelwort erscheint millionenfach auf Plakaten, Kalendern und Gemeindebriefen – sowie auf allerhand Nippes: Tassen, Armbändern, Kerzen, Kugelschreibern oder Frühstücksbrettchen.

Seit 1930 werden die Jahreslosungen einmal jährlich ausgewählt – und erstmals überhaupt stammt der Bibelspruch aus dem Mund einer Frau. Hagar, die Zweitfrau Abrahams, stehe „für all die nicht wertgeschätzten Frauen in Gesellschaft und Religion bis heute“, macht der ÖAB-Vorsitzende Wolfgang Baur vom Katholischen Bibelwerk in Stuttgart deutlich. Nicht nur über die Rolle von Frauen in Kirche und Gesellschaft wolle die Jahreslosung für 2023 anregen, ergänzt Pfarrer Michael Landgraf. Der Bibelbeauftragte der pfälzischen Landeskirche und Leiter des Bibelmuseums in Neustadt ist neu in dem Gremium, das die Jahreslosungen auswählt. Die biblische Erzählung habe auch eine interkulturelle Dimension, weil sie im Islam eine wichtige Rolle spiele, sagt Landgraf. Bei der Pilgerfahrt nach Mekka besuchen Frauen symbolisch den Brunnen der alleinerziehenden Mutter Hagar, die vor ihrer Herrin in die Wüste geflohen ist.

„Die Jahreslosungen haben eine große Breitenwirkung“, sagt Landgraf. „Sie wollen zum Nachdenken anregen und Lust machen, einmal wieder in die Bibel zu schauen.“ Die meist kurzen Bibelverse sollen im Idealfall auch Bezüge zu aktuellen gesellschaftlichen Themen ermöglichen, sagt Landgraf. Auch kirchlich Distanzierte sollen zur Auseinandersetzung mit christlichen Inhalten eingeladen werden, nennt er ein missionarisches Ziel. Die Kirchen legen den Text der Jahreslosung üblicherweise in den Neujahrs-Gottesdiensten aus.

Die Mitglieder der ÖAB kommen aus evangelischen, katholischen und freikirchlichen Werken und Verbänden aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, dem Elsass und Polen. Für die Auswahl der passenden biblischen Verse lassen sie sich viel Zeit. Schließlich sollen die Texte möglichst eine klare Botschaft vermitteln und sprachlich für heutige Leser verständlich sein. Auf der Grundlage des aktuellen ökumenischen Bibelleseplans der ÖAB reichen die Gremienmitglieder vor dem Auswahlverfahren, an dem Berater und Jugenddelegierte beteiligt sind, ihre Vorschläge ein. Ergänzt werden sie durch Vorschläge für die zwölf Monatssprüche eines Jahres.

Zu Beginn des Abstimmungsprozesses mussten die Bibelwortsucher des ÖAB die stattliche Zahl von rund 400 Sprüchen in Augenschein nehmen, sagt Landgraf. „Kriterien für die Wahl der Jahreslosung sind theologische Gesichtspunkte, ob darin Klartext gesprochen wird und ob sie auch von jungen Menschen verstanden wird“, erläutert Landgraf, der auch das religionspädagogische Zentrum in Neustadt leitet.

Die Ansprache der verzweifelten Hagar an Gott, der sie „sieht“ und anerkennend wahrnimmt, wird wohl die Diskussion über die Gleichstellung von Frauen beleben. Doch nicht immer stoßen die Jahreslosungen auf ungeteilte Zustimmung. Mit dem biblischen Jahresbegleiter für dieses Jahr „Ich glaube; hilf meinem Unglauben“ (Markus 9, 24) täten sich viele Menschen schwer, merkt Landgraf an. Gerade auch bei kirchendistanzierten Menschen könne das Reden über den eigenen Unglauben als unwillkommene Einmischung in ihr Leben oder gar als „Ketzerverfolgung“ missverstanden werden. Jahreslosungen sollten zwar inhaltlich nicht „weichgespült“ werden und deshalb irrelevant für das Leben der Menschen sein – sie dürften aber auch keine „Abgänge von der Kirche produzieren“, betont Landgraf. Alexander Lang

Bibelwort einst als Gegenmittel gegen Naziparolen gesetzt

Der schwäbische Pfarrer Otto Riethmüller hat die Jahreslosung vor 90 Jahren erfunden – Praxis stammt von der Herrnhuter Brüdergemeine

Seit 1930 gibt es die Tradition eines Bibelworts, das als „Jahreslosung“ die Christinnen und Christen ein Jahr lang begleiten soll. Die Idee dazu hatte der württembergische Pfarrer und Liederdichter Otto Riethmüller (1889 bis 1938), der Mitglied der NS-kritischen Bekennenden Kirche war.

Zunächst waren die biblischen Jahreslosungen für die evangelische Jugendarbeit gedacht und sollten das tägliche Bibellesen fördern. 1934 übernahmen die evangelischen Kirchen die Jahreslosungen unter dem Eindruck des Terrors des Naziregimes, 1969 schloss sich die katholische Kirche an. Der Textplan-Ausschuss heißt seit 1970 Ökumenische Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen (ÖAB) mit Sitz in Berlin.

In den 1930er Jahren waren die ausgewählten Bibelsprüche hochpolitisch und sollten ein Gegenmittel gegen die rassistischen und kriegstreiberischen Parolen der Nationalsozialisten sein.

„Ich schäme mich des Evangeliums von Jesus Christus nicht“ (Römer 1, 16), lautete die erste Jahreslosung. Bibelwort stand nun gegen Führerwort, die Vision des Gottesreichs gegen die Realität des Dritten Reichs. Die biblischen Leitworte der Jahreslosungen werden von der ÖAB bereits mehrere Jahre im Voraus ausgewählt.

Die Praxis der Losungen stammt von der Herrnhuter Brüdergemeine in der sächsischen Oberlausitz. 1728 wählte der Begründer dieser geistlichen Gemeinschaft, Ludwig Graf von Zinzendorf (1700 bis 1760), zum ersten Mal einen Bibelspruch für die Mitglieder der Herrnhuter aus. Nach dem Vorbild Zinzendorfs zieht bis heute ein Mitglied dieser Glaubensgemeinschaft – ähnlich einer Lotterie – ein Bibelwort für jeden Tag aus einer silbernen Schale. Die so ermittelten Bibelworte werden als Tageslosungen in einem Sammelband veröffentlicht.

Viele Christinnen und Christen beginnen jeden neuen Tag mit einem Blick in die „Herrnhuter Losungen“. Im Unterschied zu den Tageslosungen der Herrnhuter wird die Jahreslosung von einem Gremium gewählt. Mit Blick auf die Jahreslosung für dieses Jahr rief der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, zu mehr Gottvertrauen auf.

Der Bibelvers aus dem Markus-Evangelium sei eine große Einladung „an all die Menschen in unserem Land, die auf der Suche sind, die etwas ersehnen, an das sie sich halten können, die aber nicht wissen, wie sie das hinbekommen“, sagte er. Man solle sich in Situationen persönlicher Unsicherheit an Gott wenden, auch wenn dieser vermeintlich fern erscheine. Die Jahreslosung für 2021 lautet: „Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ (Lukas 6, 36). all

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Gute Begleiter: Jahreslosungen sind Leitworte für Christen. Sie prangen etwa auf Plakaten, Kalendern oder Armbändern. Foto: Landgraf
Gute Begleiter: Jahreslosungen sind Leitworte für Christen. Sie prangen etwa auf Plakaten, Kalendern oder Armbändern. Foto: Landgraf

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