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Aus Münster zurück nach Polen

Glocke aus dem Jahr 1555 vor 77 Jahren als kriegswichtig beschlagnahmt

Es war Ende vergangenen Jahres eine kleine Sensation: Jahrzehntelang war niemandem die alte Glocke im Innenhof des Kirchengerichts, dem Bischöflichen Offizialat am Domplatz in Münster, aufgefallen. Bis Mitglieder einer Kirchengemeinde in Polen auf die Glocke aufmerksam geworden seien, teilte das Bistum mit. Zwei Jahre habe die Gemeinde Heilige Katharina aus Alexandrien in Sławięcice – früher Ehrenforst im Kreis Cosel in Oberschlesien – nach „ihrer“ Glocke gesucht. Corona bedingt sei der Transport nach Schlesien immer wieder verschoben werde. Nun sei sie nach 77 Jahren zurückgekehrt. Eine Delegation sei nach Drensteinfurt gekommen, wo die Glocke übergangsweise deponiert worden war, um sie von dort mitzunehmen.

Bereits im Juli sei die Glocke aus dem Jahr 1555 aus dem Innenhof in Domplatznähe geholt und bei einem Steinmetz in Drensteinfurt zwischengelagert worden, so das Bistum. Wie groß die Freude in der polnischen Kirchengemeinde über die Heimkehr der Glocke sei, zeige sich auch darin, dass überraschenderweise eine Gruppe von 23 Personen, von denen einige inzwischen in Deutschland lebten, sich auf den Weg ins Bistum gemacht hätten, um „ihre“ Glocke abzuholen.

Noch am Abend habe Thomas Flammer, Leiter der Abteilung Kunst und Kultur im Bischöflichen Generalvikariat in Münster, per Mail ein Foto der geschmückten Glocke aus Polen erhalten. „Gestern Morgen wurde dort ein Willkommensgottesdienst gefeiert“, sagte Flammer. Im Spätherbst oder im Frühjahr solle die Glocke im Rahmen eines großen Festes aufgehängt werden, hätte der Besuch aus Polen angekündigt.

Zwei Jahre haben die polnischen Katholiken nach Bistumsangaben intensiv nach der verloren geglaubten Glocke gesucht. Das sei jedoch kein Vergleich zur langen Geschichte der Glocke, die im Zweiten Weltkrieg eine schicksalhafte Wendung erfahren habe. Im Deutschen Reich mussten alle Kirchen – auch die schlesische Gemeinde – ihre Glocken abgeben, weil sie wegen ihres Bronzeanteils zum sogenannten „kriegswichtigen Material“ zählten. Man wolle „für eine Kriegsführung auf lange Sicht erforderliche Metallreserven schaffen“, hieß es damals. Lediglich eine Glocke sollte im Schnitt pro Gemeinde verbleiben. Rund 80.000 Glocken wurden während des Krieges von der deutschen Rüstungsindustrie zu Waffen und Munition verarbeitet.

Doch einige Glocken überstanden auf dem zentralen Glockensammelplatz in Hamburg, auch Glockenfriedhof genannt, den Zweiten Weltkrieg. Monatelang wurden nach Kriegsende Gussdaten, Verzierungen und Inschriften dokumentiert, Schwarz-Weiß-Fotos gemacht. Ein „Schatz“, der 1966 ins Glockenarchiv ins Germanische Nationalmuseum nach Nürnberg übersiedelte.

Längst seien die meisten der übriggebliebenen Glocken in ihre Heimatgemeinden zurückgeführt worden, teilte das Bistum weiter mit. Nicht aber die rund 1300 Glocken aus den ehemaligen Ostgebieten. Die britische Militärregierung habe die Rückgabe untersagt. Doch in Hamburg hätten sie auch nicht bleiben können, also wurden sie als sogenannte Patenglocken an westliche Kirchengemeinden ausgeliehen. „Auch das Bistum Münster hat mehrere Glocken zugesprochen bekommen“, sagte Flammer. Drei von ihnen lagerten seit vielen Jahren im Innenhof des Kirchengerichts. Ursprünglich seien sie für die Diözese Aachen bestimmt gewesen. Warum sie in Münster strandeten, lasse sich heute nicht mehr nachvollziehen.

Pfarrer Marian Bednarek hat laut Bistum im Buch „Leihglocken“ von Marceli Tureczek ein Foto entdeckt, auf dem die Glocken der polnischen Gemeinde mit einem Pferdefuhrwerk abtransportiert wurden. Die Bildunterschrift lautet übersetzt: „Die Glocken kommen nie mehr zurück in die Pfarrgemeinde Sławięcice/Ehrenforst.“ Über eine Kennziffer in dem Buch habe der Pfarrer herausbekommen, dass sich die Glocke in Münster befand. Er kontaktierte Hans Manek, der inzwischen in Rommerskirchen zu Hause ist, der wiederum Kontakt mit dem Bischöflichen Generalvikariat aufnahm.

Damit sei die Suche zwar abgeschlossen gewesen, die Glocke wegen bürokratischer Hürden aber noch nicht wieder in Polen, so das Bistum. Denn offiziell sei die Glocke im Besitz der Bundesrepublik und könne nur mit einem Einverständnis des Bundesinnenministeriums zurückgegeben werden.

„Unser Verhandlungspartner in Glockenfragen war das katholische Büro in Berlin“, sage Flammer. Es seien Monate vergangen, in denen die Papiere zur Prüfung auf den Schreibtischen der dort Zuständigen gelegen hätten. Das Innenministerium habe die Übernahme der Kosten klären müssen und ein Vertrag sei aufgesetzt und übersetzt worden. Dann endlich habe Berlin grünes Licht gegeben: „Es gibt einen Dauerleihvertrag zwischen dem Bistum Münster und der Gemeinde in Sławięcice“, erklärte Flammer. Nun freut sich der Diözesankonservator mit den polnischen Katholiken: „Schön, dass die Glocke wieder an ihren Ursprungsort zurückgekehrt ist.“

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Bereit zum Abtransport: Vertreter der Gemeinde Heilige Katharina aus Alexandrien in Sławięcice mit Thomas Flammer (links). Foto: pv
Bereit zum Abtransport: Vertreter der Gemeinde Heilige Katharina aus Alexandrien in Sławięcice mit Thomas Flammer (links). Foto: pv

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    QbrycwisBzDgVYh 09/09/2021 um 03:16
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