Dokumentation

Augen öffnen in der ökologischen Krise

Bibelarbeit über Johannes 9 zum dritten Ökumenischen Kirchentag - von Ernst Ulrich von Weizsäcker

Jesu Jünger fragten ihn, wer gesündigt hat, der Blinde oder dessen Eltern. Aber Jesus antwortet: Weder der Blinde noch seine Eltern. Vielmehr sollen an ihm die Werke Gottes offenbar werden. Und er spuckte auf die Erde und machte daraus einen Brei, den er dem Blinden auf die Augen strich und bat den Blinden, zum Teich Siloah zu gehen und sich dort zu waschen. Und siehe da, er wurde sehend und kam zurück.

Dies, in aller Kürze, war das Wunder. Sehr ähnliche Stellen über die Heilung eines Blinden findet man in den Evangelien von Markus, Matthäus und Lukas. Die heutige Theologie sieht die Wunder der Bibel, speziell des Neuen Testaments nicht als Widersprüche zur heutigen Naturwissenschaft und Medizin. Vielmehr solle man sich in das Wirklichkeitsverständnis der Zeit hineindenken, in der Jesus gelebt hat.

Die Wunder zeigen die Gegenwart Gottes an. Damit teilen die Evangelisten die antike Weltsicht, die alle erstaunlichen oder unerklärlichen Geschehnisse primär als Offenbarungen des Göttlichen sah. Der Glaube der Geheilten an das Göttliche spielt dabei eine große Rolle.

Es ist nicht die Aufgabe eines Naturwissenschaftlers wie mir, die historische Genauigkeit eines Heilungswunders zu prüfen. Aber es ist gut vorstellbar, dass der „Blinde“ in unserem Text gar nicht völlig blind war, aber vielleicht getrübte Sicht hatte und seelisch verzweifelt war. Und dann taucht Jesus auf, der bereits im Lande als Sohn Gottes bekannte Prediger. Das alleine schon weckt den Verzweifelten auf, und dann kommt aus Jesu Hand die Wundersalbe.

Der Glaube der Geheilten an das Göttliche und die damit gepaarte Dankbarkeit spielt in den Wundergeschichten eine große Rolle, sagte ich vorhin. Diese Dankbarkeit ist ja auch die Demut, also die Anerkennung der eigenen Schwäche und die mythische Stärke des Göttlichen. Das ist jetzt eine Sprechweise, wie man sie heute verwenden kann. Die Demut ist eine große Tugend in einer gesunden Kultur. Umgekehrt wird’s noch deutlicher. Die Überheblichkeit, also das Gegenteil von Demut, macht die Kultur gefährlich. Wenn die Starken die Schwachen verprügeln, betrügen, alleinlassen, dann haben wir eine kranke Kultur.

Kommen wir nun aus der Antike ins Mittelalter. In Europa gab es die Zeit der Raubritter. Im Mittelalter gab es jede Menge Fehden zwischen Familien, aber auch Dörfern und Städten. Und die Starken, die mit Waffen gerüsteten Ritter, waren zugleich der unangenehmste und der siegreichste Teil der Fehden. Die Städte schützten sich durch Mauern und Wassergräben vor den Räubern. Und auf dem Lande entwickelten sich seit dem 13. Jahrhundert Bewegungen zu einem „Landfrieden“, der allen ein friedliches Leben ermöglichen sollte. Schließlich wurde auf dem Reichstag von Worms am 7. August 1495 der „Ewige Landfrieden“ beschlossen. Das war in gewissem Sinne der Abschluss des Mittelalters oder der Beginn der Neuzeit.

Der Ewige Landfriede etablierte das Gewaltmonopol des Staates beziehungsweise der öffentlichen Hand. Der Wormser Landfrieden war die Grundlage einer Landfriedensgesetzgebung, die das Reich mehrmals erneuerte und ergänzte. Einen Abschluss dieser segensreichen Entwicklung brachte der Augsburger Religionsfrieden von 1555, der sich als ein „beständiger, beharrlicher, unbedingter, für und für ewigwährender Friede“ bezeichnete.

Aber der Landfrieden galt leider nur nach innen. Nach außen hin konnten die nun im Entstehen begriffenen Nationalstaaten Kriege führen. Und in Europa wurden unausgesetzt blutige Kriege geführt. Mit am scheußlichsten der dreißigjährige Krieg von 1618-48. Dieser war im Kern ein Krieg zwischen den beiden großen christlichen Konfessionen. Ein Ökumenischer Kirchentag wäre zu jener Zeit undenkbar gewesen.

Zugleich gab es Dutzende von Territorialkriegen im deutschen Sprachraum, aber auch Schweden, und fast alle Landstriche in Kontinentaleuropa waren betroffen. Mord und Totschlag, Plünderungen, Vertreibungen und fürchterlicher Hunger kosteten vielen Millionen Menschen das Leben. Die Bevölkerung schrumpfte vielfach auf die Hälfte.

Wir wissen heute, dass Religionskriege absolut nicht mit dem Sinn der Religion, speziell der christlichen Religion vereinbar oder gar legitimierbar sind. Der Abschluss des Westfälischen Friedens von 1648 war, Gott sei Dank!, auch eine klare Absage an Religionskriege. Nach dem Westfälischen Frieden konnte sich in Europa die Aufklärung durchsetzen. Das war auch eine Art Heilung aus der Blindheit, eine Erlösung aus geistiger Blindheit. Das vielleicht wichtigste Buch der Aufklärung war Immanuel Kants Schrift „Zum Ewigen Frieden“.

Die Aufklärung hat uns nicht dagewesene Freiheiten gebracht. Sie hat uns die Demokratie anstelle der absolutistischen Monarchien gebracht. Sie hat uns den Rechtsstaat gebracht anstelle von Inquisition, Sklaverei und Hexenverbrennung. Sie hat uns beweisführende Wissenschaft und darauf aufbauend funktionierende Technikentwicklung gebracht, anstelle von Alchemie und unseriöser Zauberei.

Aus Wissenschaft und Technik entwickelte sich seit dem späten 18. Jahrhundert die Industrielle Revolution. Und mit ihr ein beschleunigter Anstieg des Wohlstandes, ja sogar des Massenwohlstandes. Die Aufklärung und all ihre phantastischen Folgen gingen von Europa aus. Das führte zu einer nicht dagewesenen Machtentfaltung Europas. Die technische Revolution fand ja auch im Militär statt. Und so führte die Aufklärung auch zu weiteren Kriegen. Ganz besonders und überaus schäbig zur Kolonisierung der Welt durch die militärisch übermächtigen Europäer.

Die Religion, das Christentum, wurde oft zur Rechtfertigung der Kolonialpolitik missbraucht. Die Missionare waren häufig, ob sie es wollten oder nicht, die Wegbereiter der militärischen Unterwerfung der Welt. Wenn ich mit Afrikanern über die (europäische) Aufklärung rede, bekomme ich häufig die blanke Wut zu spüren, über die Überheblichkeit und zugleich die Grausamkeiten der europäischen Eroberer.

In Europa lautete die Erzählung meistens umgekehrt: Wir bringen Euch in Afrika oder Südamerika oder in Asien die Medizin, die exakte Wissenschaft, die Schulbildung, die funktionierende staatliche Verwaltung, und den Wohlstand. Seid doch bitte froh und dankbar. Im Kern war das eine völlig verlogene Erzählung. Die Profiteure der Kolonisierung waren in der Hauptsache die Europäer und etwas später die US-Amerikaner.

Erst im 20. Jahrhundert, speziell in den 1960er Jahren kam es zu einem Ende der Kolonisierung. Die afrikanischen Staaten und die karibischen und Südsee-Staaten wurden endlich unabhängig. Die Zahl der Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen vervierfachte sich beinahe zwischen dem Gründungsjahr 1945 und dem Jahr 2000. Zwei Drittel der UNO-Mitgliedstaaten sind locker in der Gruppe der 77 vereinigt, fast alles ehemalige europäische Kolonien.

Nun aber genug der Geschichtsschreibung. Was sind unsere Aufgaben heute, wenn wir von unserer bisherigen Blindheit geheilt werden wollen? Bis hier habe ich noch überhaupt nicht über die heutigen Weltprobleme gesprochen. Allem voran müssen wir über das Klima und das grauenvolle Artensterben sprechen. Die heutige Ökonomie, die ja den Kern der politischen Entscheidungen unserer Tage ausmacht, ist, so muss man leider sagen, immer noch blind bezüglich der riesigen ökologischen Krise.

Fragt man einen Journalisten oder Politiker oder gar einen Wirtschaftsvertreter über das, was heute wichtig ist, kommt als Antwort eigentlich immer erst mal das Wirtschaftswachstum oder, etwas schöner gesagt, die Zahl der Arbeitsplätze. Selbst wenn man vom Klima redet, ist die erste politische Antwort: Tja, was ihr da wollt, wird leider verdammt teuer. Um das zu bezahlen, brauchen wir erst mal viel mehr Wachstum. Das Elektroauto ist doch doppelt so teuer wie ein klimaschädigendes Auto mit Verbrennungsmotor. Und das Ökohühnchen kostet doppelt so viel wie das Huhn aus der Massentierhaltung. Verehrte Kirchentagsbesucherinnen und -besucher: Mit dieser Logik kommen wir überhaupt nicht weiter. Da gehen die jungen Leute von Fridays for Future mit Recht auf die Straße und protestieren.

Aber auf die Ökonomen zu schimpfen bringt uns auch nicht weiter. Denn sie haben ja mit dem, was sie uns vorrechnen, erst mal Recht. Also müssten wir dringend die Rahmenbedingungen so ändern, dass der klimaverträgliche Verkehr rentabler wird als der klimaschädliche. Und dass eine Landwirtschaft, die von lebendigen Böden lebt, dem Landwirt mehr einbringt als die Massenvergiftung der Böden, der Insekten und auch vieler Pflanzen durch sogenannte Pflanzenschutzmittel.

Damit das geschieht, müssen wir politisch dafür sorgen, dass die Preise auf dem Markt wenigstens angenähert die ökologische Wahrheit sagen. CO2-Emissionen würden teurer, langsam genug, dass keine großen wirtschaftlichen Zusammenbrüche passieren. Aber schnell genug, dass das Klima massiv entlastet wird. Ähnlich mit Agrargiften. Das muss dann auch in Brasilien gelten, und wir müssen Druck ausüben. Der dortige Sojaanbau zerstört ja Wälder so groß wie Deutschland und rottet tausende Tier- und Pflanzenarten aus.

Preise allein reichen nicht. Tierqual-Ställe und Massenantibiotika müssen schlicht verboten wer-den. Dann wird Fleisch teurer. Heute ist es so billig, dass wir Deutschen soviel Schweinefleisch wegwerfen, wie es dem Lebendgewicht von vier Millionen Schweinen entspricht. Die gewünschte Folge wäre eine neue technische Revolution in Richtung Rettung der biologischen Vielfalt und des angenehmen Klimas. Und eine Verhaltensrevolution: Sorgfalt statt Wegwerferei und Plastik-Vermüllung der Meere.

Die Wissenschaft kann beweisen, dass man aus einer Tonne Erz oder aus zehn Kilowattstunden fünfmal soviel Wohlstand herausholen kann wie heute. Das wäre der Kern der neuen technischen Revolution. Machen wir das lukrativ, dann setzt es sich auch durch. Lukrativ wird es, wenn Rohstoffe und Energie teurer werden. Eine solche friedliche Revolution verlangt ein ganz großes Augenöffnen. In anderen Worten: wir sollten unsere Kurzsichtigkeit und Blindheit überwinden. Spätere Historiker würden dann sagen, es sei ein göttliches Wunder geschehen. So wie Jesus im Johannesevangelium dem Blinden das Augenlicht schenkt.

Die Bibelarbeit hielt Ernst Ulrich von Weizsäcker anlässlich des dritten Ökumenischen Kirchentags am Samstag, 15. Mai, in Frankfurt. Weizsäcker ist Umweltwissenschaftler und Politiker. Von 1998 bis 2005 war er Mitglied des Deutschen Bundestages. In dieser Zeit war er unter anderem Vorsitzender der Enquête-Kommission Globalisierung der Weltwirtschaft sowie Vorsitzender des Ausschusses für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit. Weizsäcker ist seit 2012 Honorarprofessor an der Universität Freiburg.