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Am Küchentisch die Kirche von morgen planen

Mit Erprobungsräumen will die pfälzische Landeskirche neue Ideen für ihre Zukunft voranbringen – Rund 250000 Euro Förderung jährlich

Gleich von Anfang an erzeugten die „Küchengespräche“ eine große Neugier. „Was ist das, fragten sich die Leute“, erinnert sich Pfarrer Andreas Echternkamp. „Tauschen die Frauen da Rezepte aus?“ Drei Jahre ist es her, dass der protestantische Gemeindepfarrer aus Finkenbach im Donnersbergkreis erstmals zur gemütlichen Runde in das alte Pfarrhaus einlud. Im Sitzkreis am Küchentisch des fast 200 Jahre alten Kulturdenkmals kamen junge und ältere Menschen zusammen, um über Gott und die Welt zu sprechen – und auch Pläne für neue Formen von Kirche zu schmieden. Dann kam Corona, seither liegt das Projekt auf Eis. „Wir hoffen, dass wir im Herbst weitermachen können“, sagt der 57-jährige Theologe.

Die „Küchengespräche“ in Finkenbach sind eines von mehr als 20 Projekten in der Evangelischen Kirche der Pfalz, in denen neue kreative Ideen für eine Kirche der Zukunft erprobt werden. Sie sind sogenannte Erprobungsräume („LabORAtorien“), in denen die Protestantinnen und Protestanten vor Ort auch ganz unkonventionelle Ideen entwickeln können.

Bei dem vor zwei Jahren gestarteten Projekt zur Kirchenentwicklung seien Experimentierfreudigkeit und Mut für Neues ausdrücklich erwünscht, betont Oberkirchenrätin Marianne Wagner, die für die Perspektivarbeit der Landeskirche zuständig ist. Rund 250000 Euro stellt die Kirche jährlich über einen Zeitraum von sieben Jahren dafür bereit. Kirchenbezirke und Kirchengemeinden sind aufgerufen, sich mit ihren Projektideen zu bewerben.

„Ich empfand die ,Küchengespräche‘ als nichts Besonderes“, sagt Pfarrer Echternkamp bescheiden. Bei einer Visitation des Kirchenbezirks war Oberkirchenrätin Wagner jedoch von der Idee begeistert, einmal monatlich auch Menschen an den Tisch zu bringen, die nicht überzeugte Kirchgänger sind. Bei einem Imbiss und Getränken wurde der Sitzkreis am Küchentisch zu einem Forum, wo sich Bürgerinnen und Bürger über alle Themen, die ihnen auf der Seele brennen, austauschen konnten.

Da kam etwa der Landwirt zu Wort, den die immer komplexeren Umweltauflagen schmerzen. „Die ,Küchengespräche’ sind kein rein kirchlicher Rahmen“, macht Pfarrer Echternkamp deutlich. Ein Gebet oder die Lesung eines besinnlichen Textes gab es aber auch, wenn gewünscht. Die Fragen, Ideen und Anregungen aus einer bunten Runde könnten auch einen Beitrag dazu leisten, die Arbeit der Kirchengemeinde lebendiger zu gestalten. Dankbar ist Echternkamp, dass ihn Oberkirchenrätin Wagner ein wenig „anstupste“, sich mit seinem Projekt als Erprobungsraum zu bewerben. Begleitet werden die jeweiligen Erprobungsräume von einem landeskirchlichen Fachteam.

Neue, frische Ideen hat die Kirche dringend nötig, die seit Jahren im Wandel ist, betont Wagner. Herausgefordert sieht sich die christliche Gemeinschaft besonders durch einen Mitgliederschwund und die Konkurrenz mit anderen sinnstiftenden Angeboten. „Wir brauchen Menschen, die für die Kirche brennen“, sagt sie. Die Vielfalt des kirchlichen Lebens müsse als Bereicherung verstanden und gefördert werden. Dabei könnten die Gemeinden mit Erprobungsräumen „passgenau“ eigene Schwerpunkte setzen, etwa in der Seelsorge und mit neuen Gottesdienstformaten. Zudem, so hoffen die Macher der Erprobungsräume, könne eine einladende Kirche auch Kirchenferne besser mit ihrer Botschaft erreichen.

Ganz wichtig sei es, dass der Spaß am Experimentieren nicht zu kurz komme, ergänzt Pfarrer Tim Kaufmann als Projektleiter. Projekte wie „Popularmusik und Gottesdienst“ oder zur Regionalentwicklung wie die „Dorfraumentwickler“ im Norden der Landeskirche hätten das Potenzial, in der Landeskirche auszustrahlen. Weitere Erprobungsräume könnten etwa das diakonische Handeln in den Kirchengemeinden stärken oder die Kooperation mit ökumenischen Partnern, sagt Kaufmann. Einen Wunscherprobungsraum hat der Pfarrer mit Blick auf schwindende Ressourcen und wachsende Aufgaben in der Kirche: „Wir müssen uns in einem wohlgeprüften Prozess auch überlegen, was man sein lässt.“ Alexander Lang